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| Archivarius |
Registriert: Mittwoch 19. Oktober 2005, 09:04 Beiträge: 2744 Wohnort: Brandenburg
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Hier ein längerer Essay über
Jane Austen und die „Leidenschaften“
(Vorsicht: es kommt das B-Wort vor  )
Charlotte Brontë mochte Jane Austen nicht. »Die Leidenschaften sind ihr vollständig unbekannt«, beklagte sie sich bei einer Freundin, »... und sogar den Gefühlen gönnt sie lediglich hin und wieder eine anmutige, aber spröde Anerkennung; allzu häufiger Umgang mit ihnen würde wohl den eleganten Fortgang der Handlung beeinträchtigen.« Wenn man Charlotte Brontë und ihre Neigungen kennt, versteht man, warum eine ausgezeichnete Schriftstellerin eine andere so sehr ablehnen kann, so wie Brontë Austen ablehnte. Ihre Abneigung war heftig und hartnäckig, und sie hatte G. H. Lewes 1848 geschrieben: »Warum schätzen Sie Miss Austen so sehr? Das gibt mir Rätsel auf... Ich kannte Stolz und Vorurteil nicht, bevor ich Ihren Satz gelesen hatte, und dann beschaffte ich mir das Buch. Und was fand ich? Die akkurate Daguerrotypie eines gewöhnlichen Gesichts; einen sorgfältig umzäunten, wohlbestellten Garten mit ordentlichen Rabatten und zarten Blumen; aber keine Spur einer anregenden, lebhaften Physiognomie, kein offenes Land, keine frische Luft, keine fernen Hügel, keinen sprudelnden Bach. Ich würde nicht gerne mit ihren Damen und Herren in diesen eleganten, aber beklemmenden Häusern leben wollen.«
Das kann man nachvollziehen, und doch ist Brontës Verurteilung nicht ganz fair. Man kann nicht behaupten, Jane Austens Romanen mangele es an Leidenschaft. Ihnen fehlt eine gewisse Art überreifer Sinnlichkeit, ein Hang zu der unmittelbareren romantischen Hingabe einer Jane Eyre oder eines Rochester. Ihre Sinnlichkeit ist gedämpfter: Verlangen auf Umwegen.
Versuchen Sie sich beim Lesen des folgenden Absatzes die Szene plastisch vorzustellen. Darcy und Elizabeth sind allein in Mr. Collins' Haus. Darcy gelangt allmählich zu der Erkenntnis, daß er nicht ohne Elizabeth leben kann. Sie sprechen über die Bedeutung der Entfernung zwischen dem Wohnhaus einer verheirateten Frau und dem Wohnsitz ihrer Eltern.
Mr. Darcy rückte mit seinem Stuhl etwas mehr in ihre Richtung und sagte: »Bei Ihnen gibt es keinen Grund zu einer so engen Bindung an zu Hause. Sie sind bestimmt nicht immer in Longbourne gewesen.« Elizabeth schaute verwundert auf. Der Gentleman spürte den Stimmungswandel, schob seinen Stuhl wieder zurück, nahm eine Zeitung vom Tisch, warf einen Blick darauf und sagte mit unbeteiligter Stimme: »Gefällt Ihnen Kent?«
Betrachten wir die Szene genauer. Die Dringlichkeit in Darcys Stimme ist ein Symptom für seine leidenschaftliche Liebe zu Elizabeth; sie zeigt sich in den alltäglichsten Interaktionen. Wir erkennen an seinem Tonfall, wie sich seine Gefühle für Elizabeth entwickeln. Der Höhepunkt der Szene ist erreicht, als er um ihre Hand anhält. Die negative Aussage, mit der er seine Ansprache beginnt (»Ich habe vergebens dagegen angekämpft. Es geht nicht.«) wirkt fast brutal - teils weil der Roman insgesamt eine dezente Sprache verwendet, teils weil Darcy die verschlossenste aller Figuren ist.
Hören wir uns dieses »Sie« an. Darcy spricht Elizabeth so gut wie nie mit ihrem Namen an, aber er hat eine besondere Art, »Sie« zu sagen, die der unpersönlichen Anrede eine höchst intime Färbung gibt. Solche Nuancen sollte man in einer Kultur wie unserer zu schätzen wissen; alle werden ermutigt, auf äußerst übertriebene Weise ihre Liebe zum Imam zu demonstrieren, und gleichzeitig sind alle öffentlichen Gefühlsäußerungen, besonders Liebe, streng verboten.
Die Figuren und Szenen in Stolz und Vorurteil werden selten in ihrer äußeren Erscheinung beschrieben, und doch meinen wir, alle Figuren und ihre inneren Welten genau zu kennen; wir kennen sie und erspüren ihre Umgebung. Wir sehen Elizabeths Reaktion auf Darcys Abwertung ihrer Schönheit, wir sehen Mrs. Bennet am Eßtisch, wir sehen, wie Elizabeth und Darcy durch den schattigen Park von Pemberley wandeln. All das wird hauptsächlich durch den Ton erreicht, durch verschiedene Stimmlagen, durch Worte, die hochmütig sind, oder keß, weich, grob, eindringlich, süßlich, einschmeichelnd, unsensibel, eitel.
Das physisch Greifbare, das in Austens Romanen fehlt, wird von einer besonderen Spannung, einer erotischen Struktur aus Geräuschen und Stille ersetzt. Sie erzeugt eine sehnsuchtsvolle Stimmung, indem sie Personen, die sich begehren, vor Hindernisse stellt. Elizabeth und Darcy werden in mehreren Szenen nebeneinander plaziert, aber das geschieht an öffentlichen Orten, an denen sie nicht privat kommunizieren können. Jane Austen baut sehr viel Spannung, aber auch Frustration auf, indem sie sie in den gleichen Raum und doch außer Reichweite positioniert. Die Spannung wird dadurch gesteigert, daß alle von Jane und Bingley eine Liebesgeschichte erwarten und von Elizabeth und Darcy genau das Gegenteil.
Nehmen wir zum Beispiel die Feier in Elizabeths Haus gegen Ende des Romans, während der sie verzweifelt die Gelegenheit zu einem vertraulichen Gespräch mit Darcy sucht. Der gesamte Abend verläuft in großer Anspannung. Sie steht neben ihrer Schwester, hilft ihr, Kaffee und Tee auszuschenken, und sagt sich: »Wenn er dann nicht zu mir kommt, gebe ich ihn für immer auf.« Er nähert sich ihr, aber eines der Mädchen hängt sich an Elizabeth und flüstert ihr zu: »Wir werden uns auf keinen Fall von den Männern auseinanderbringen lassen. Die können wir gar nicht brauchen.« Darcy entfernt sich wieder und zwingt sie, ihm mit den Augen zu folgen. Sie »beneidete jeden, mit dem er sprach, brachte kaum Geduld auf, allen Kaffee einzuschenken, und ärgerte sich schließlich selbst über ihr kindisches Verhalten.« Das Spiel setzt sich den gesamten Abend über fort. Darcy tritt wieder an ihren Tisch, bringt seine Tasse zurück, verweilt etwas, sie reden über Belanglosigkeiten, und wieder muß er gehen.
Austen gelingt es, uns den reizvollsten Aspekt einer Beziehung vorzuführen: den Wunsch, die Sehnsucht nach dem Objekt des Begehrens, das so nahe und zugleich so fern ist. Es ist eine Sehnsucht, die gestillt, eine Spannung, die in Vereinigung und Glück enden wird. Explizite Liebesszenen gibt es in Jane Austens Romanen praktisch nicht, aber ihre Geschichten handeln alle von dem langen und komplizierten Prozeß der Annäherung und Werbung. Ganz offensichtlich ist sie mehr an Glück als an der Institution Ehe interessiert, mehr an Liebe und Verständnis als am Ehestand. Das wird an all den Roman-Paaren deutlich, die nicht zusammenpassen - Sir Thomas und Lady Bertram, Mr. und Mrs. Bennet, Mary und Charles Musgrove. Wie in Scheherazades Erzählungen findet man eine unendliche Vielfalt an guten und schlechten Ehen, guten und schlechten Männern und Frauen.
Auch Brontës Behauptung über die Begrenzungen stimmt nicht ganz. Die Frauen in Jane Austens Romanen, die sich mehr im privaten als im öffentlichen Raum, in der Domäne des Herzens und der komplexen Beziehungsgeflechte zu Hause fühlen, stellen ihre Grenzen ständig in Frage. Der Roman des 19. Jahrhunderts rückt das Individuum, sein Glück, seine Prüfungen und Rechte ins Zentrum der Geschichte. Deshalb ist die Ehe sein wichtigstes Thema. Von Richardsons glückloser Clarissa über Fieldings scheue und gehorsame Sophie bis hin zu Elizabeth Bennet haben Frauen die Komplikationen und Spannungen geschaffen, die die Handlung dieser Romane vorantreibt. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf das, was die Romane von Jane Austen schildern. In ihnen geht es nicht um die Bedeutung der Ehe an sich, sondern um die Bedeutung von Herz und Verständnis in der Ehe, nicht um die Vorrangstellung der Konventionen, sondern um den Bruch mit den Konventionen. Diese wohlerzogenen schönen Frauen sind Rebellinnen, die den Entscheidungen ihrer oberflächlichen Mütter, inkompetenten Väter (es gibt selten kluge Väter in Jane Austens Romanen) und der streng konventionellen Gesellschaft ihr »Nein« entgegen halten. Sie riskieren Ächtung und Armut, um Liebe und Kameradschaft zu gewinnen und ins Herz der Demokratie vorzustoßen: zu dem Recht auf die eigene Wahl.
Pöh: Charlotte Brontë!!! :aetsch: - He he: Henry Fielding!!!
Bruki 
_________________ "There’s no one to touch Jane when you’re in a tight place. Gawd bless ’er, whoever she was." (Rudyard Kipling, The Janeites)
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