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| Archivarius |
Registriert: Mittwoch 19. Oktober 2005, 09:04 Beiträge: 2744 Wohnort: Brandenburg
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Sheamus Coltrane hat geschrieben: Kerstin hat geschrieben: Zitat: warum du uns jetzt auch noch die Piratenbücher wegdefinieren willst.. Da kommen Piraten vor???  Habe ich doch was versäumt??  Weiß auch nicht, was man mir damit sagen will 
Hm, also ein paar Ungläubige sind zu überzeugen  ! Wie könnte man das besser, als mit einem Auszug aus dem dritten Band der Romanfolge Patrick O’Brians: “Duell vor Sumatra”... Jack, der Held des Romanes, beschreibt gerade in einem Brief an seine Verlobte Sophia wie er mit seiner Mannschaft einen französischen Hafen attackierte und seine Fregatte dabei in eine brenzliche Situation geriet:
Zwei Kanonenboote kamen an der Küste entlang auf uns zu, um uns den Rückweg abzuschneiden. Sie heharkten uns mit Kartätschen, so daß uns nichts anderes übrigblieb, als sie anzugreifen. Das taten wir auch, aber dann bereitete mir die Crew meiner Pinasse die größte Überraschung meines Lehens. Wie Du weißt, sind die meisten davon Chinesen oder Malaien, sonst ein friedlicher, anständiger Haufen. Aher die eine Hälfte sprang jetzt kopfüber ins Wasser und die andere duckte sich hinters Dollbord. Nur Bonden, Killick, der junge Butler und ich schrien tapfer Hurra, als wir das eine Kanonenboot rammten, und ich sagte zu mir: Jack, jetzt geht’s dir an den Kragen. Du hast dich auf einen Haufen Feiglinge verlassen, die dir nicht folgen wollen. Aher ich hatte keine Wahl, also riefen wir nochmals unser dünnes Hurra und sprangen an Bord.
Er hielt inne und ließ die Tinte an seiner Feder trocknen, von der Erinnerung wieder überwältigt: wie die Chinesen in letzter Sekunde über Bord geglitten waren, um den Musketenkugeln zu entgehen, wie sie sich, lautlos und jeweils zu zweit, jede Gegenwehr ignorierend, auf den Feind gestürzt hatten, wobei der eine Chinese das Opfer niedergerissen und der andere ihm den Hals bis zum Knochen aufgeschlitzt hatte. Dann nahmen sie sich sofort den nächsten vor, arbeiteten sich systematisch und mit tödlicher Sicherheit von achtern nach vorn durch, ohne Geschrei, nur gelegentlich im Falsett Richtungsangaben rufend. Und ohne Raserei, ohne heiße Wut. Nie würde er vergessen, wie die Malayen, die unterm Kiel der Kanonenboote durchgetaucht waren, auf der anderen Seite aus dem Wasser quollen; die ganze Reling war voll nasser, brauner Fäuste, als sie sich an Bord schwangen. Dazwischen kreischende Franzosen, kopflos übers glitschige Deck rennend, und über allem das gewaltige, hin und her schlagende Lateinersegel. Immer weiter ging dieser lautlose Nahkampf, nur mit Messern und Garotten, in schrecklich zielstrebiger Mordgier. Er sah wieder vor sich, wie sein Gegner im Vorschiff, ein untersetzter, sich entschlossen wehrender Seemann mit Pudelmütze, endlich über die Seite kippte und zwischen roten Blutwolken im Wasser versank. Dann seine eigene Stimme: “Belegt die Schot dort! Ruder nach Luv! Alle Gefangenen in die Vorpiek!” Und Bondens schockierte Antwort: “Es gibt keine Gefangenen, Sir.”
Danach das Deck, hell, hellrot unter der Sonne; und die hockenden Chinesen, immer zu zweit, die flink, aber methodisch, die Leichen fledderten; Malayen, die Schädel wie Kanonenkugeln zu ordentlichen Pyramiden aufstapelten, während einer von ihnen im Bauch eines Gefallenen wühlte. Zwei Männer standen bereits am Ruder, ihre Beute in Bündeln zu Füßen, und die Schot war ordentlich belegt – Jack hatte schon entsetzliche Szenen erlebt – das Gemetzel auf einem Vierundsiebziger im Flottengefecht, viele Handgemenge mit Enterern, die Bucht von Abukir, nachdem die Orion explodiert war –, aber da hatte er gespürt, wie sich ihm der Magen hob, wie es ihn würgte. Der Überfall war gekonnt ausgeführt worden, so professionell, wie man sich's nur wünschen konnte, doch die Folge war, daß sein Beruf ihn anwiderte.
Ja, Kerstin, Dir ist etwas entgangen... und natürlich, Sheamus, ist es auch ein Seeräuberroman... Und ja, es ist ein Männerroman...
Bruki 
_________________ "There’s no one to touch Jane when you’re in a tight place. Gawd bless ’er, whoever she was." (Rudyard Kipling, The Janeites)
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