 |
| Administratorin im Ruhestand und Tom-Lefroy-Expertin |
 |
Registriert: Mittwoch 14. Juni 2006, 21:11 Beiträge: 3007
|
Ich lese gerade (sporadisch) in einer Neuauflage von J.E. Austen-Leighs „Memoir“: „A Memoir of Jane Austen and Other Family Recollections“ (Oxford University Press, 2002)
Der Titelzusatz ist eigentlich das besondere an dieser Ausgabe, da zusätzlich zur „Memoir“ (1871) auch noch Anna Austens „Recollections of Aunt Jane“ (1864), Caroline Austens „My Aunt Jane Austen: A Memoir“ (1867), sowie Henry Austens „A Biographical Notice of the Author“ (in der 1818-Ausgabe von Persuasion und NA) und deren Überarbeitung, die in der Bentley-Neuauflage (1833) von Janes Romanen abgedruckt wurde: „Memoir of Jane Austen“.
Lange Rede, kurzer Sinn: In Henrys überarbeiteten „Memoir“ von seiner Schwester zitiert er einen netten Zeitungsartikel, in dem damals Jane Austens Romane rezensiert wurden. Da er leider auf englisch und noch wesentlich länger ist, habe ich den Ausschnitt daraus hier übersetzt (ich hoffe, ich habe keine Fehler eingebaut) und bin gespannt, was ihr davon haltet…
„Im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern ist Miss Austens Ruhm rapide gewachsen, seit sie gestorben ist: Es gab kein Aufsehen ob ihres ersten Erscheinens: die Öffentlichkeit brauchte Zeit, um sich eine Meinung zu bilden; und sie, die ihr Glück weder von Erfolg noch von Niederlage abhängig gemacht hatte, gab sich damit zufrieden, auf deren Entscheidung zu warten. […] So zurückgezogen, so unberührt von literarischer Berühmtheit war das Leben, das Miss Austen führte, dass, wenn überhaupt jemals professionell ein Bild von ihr gezeichnet wurde, es niemals mit ihrem Namen versehen worden ist. Was ihren Geist betrifft, müssen wir einige Bemerkungen wagen. Sie selbst verglich ihr Werk mit einem kleinen Stück Elfenbein, nicht größer als zwei Zoll, auf dem sie mit einem so feinen Pinsel arbeite, dass nach langer Arbeit nur ein unscheinbares Ergebnis aller Mühen zu erkennen sei. Es ist in der Tat so: Ihre Portraits sind exakte Abbilder, bewunderswert gefertigt, viele von ihnen Glanzstücke, doch handelt es sich bei ihnen um Miniaturgemälde; zufrieden damit, in dieser Hinsicht unnachahmbar zu sein, versuchte sie sich niemals an Leinwänden oder Ölgemälden, vergeudete ihre Hand niemals an majestätischen Schmierereien. Ihre „zwei Zoll Elfenbein“ beschreiben exakt die Vorbereitung für eine Erzählung von drei Bänden. Ein Dorf --- zwei miteinander bekannte Familien --- drei oder vier Eindringlinge, aus deren Mitte kleine Bosheiten entspringen, --- und mithilfe von gegenseitigen Stadtbesuchen und ein wenig Klatsch entwickelt sich eine dichte Handlung, und die „Dunkelheit“ zerstreut sich nicht vor den letzten sechs Seiten. Die Handlung ist einfach strukturiert und doch kompliziert entwickelt; --- die Hauptcharaktere, jene, von denen der Leser sicher sein kann, dass sie lieben, heiraten und Unruhe stiften, werden im ersten oder zweiten Kapitel eingeführt; alles wird von einem halben Dutzend Personen erledigt; es gibt keinen überflüssigen Charakter, keine Szene, keinen Satz, der der der Handlung nicht irgendwie von Nutzen ist. Keine Katastrophen, Entdeckungen oder großartigen Überraschungen werden zugelassen --- weder Kinder noch Vermögen werden zufällig gefunden oder verloren --- der Geist wird niemals dem wirklichen Leben enthoben --- der Leser frühstückt, diniert, geht Spazieren, klatscht mit den verschiedenen Persönlichkeiten, bis ein Prozess der Wandlung in ihm vorgeht und es ihm bald darauf vorkommt, selbst einer der Charaktere zu sein. Doch die Handlung birgt eine Überraschung: einige Vorkommnisse verwickeln sich zu Beginn auf einfachste und natürlichste Weise, und bis zum Ende kann man nicht ganz sicher sein, wie sie sich wieder entwirren. Entwirrt werden sie, wie auch immer, und zwar zur allergrößten Zufriedenheit. Das Geheimnis ist, dass Miss Austen eine unumstößliche Herrscherin im Wissen um den menschlichen Charakter ist; sie wusste genau, wie sich Bildung und Umstände auf ihn auswirken; wie er sich, wenn einmal geformt, zu jeder Stunde an jedem Tag, und in jedem Wort zu jeder Person ausdrückt. Wenn dies nicht wäre, wären ihre Unterhaltungen ermüdend; und ihre Charaktere, dieselben Leute, die man auf der Straße treffen könnte oder mit denen man eine halbe Stunde zuvor Tee getrunken hat, würden keinerlei Interesse erregen; durch Miss Austens Hand hindurch erhalten wir jedoch Einblick in ihre Herzen und Hoffnungen, ihre Beweggründe, ihre inneren Kämpfe; und sie erweckt eine Sympathie, die, würde sie auf das tägliche Leben, auf die ganze Welt, ausgeweitet, aus dem Leser einen liebenswürdigeren Menschen machen würde; und der Leser ist selbst Schuld daran, der ihre Seiten nicht schließt, ohne mehr Güte im Herzen gegenüber unverfälschtem Wert zu tragen; ohne größere Anerkennung einfacher Liebenswürdigkeit und ehrlich empfundenem Guten Willen zu verspüren; ohne einen größeren Sinn in der Pflicht zu Geduld und Nachsicht im täglichen Umgang zu sehen, und ohne Freude daran gefunden zu haben, zum Wohlergehen auch jener Leute beizutragen, die weder geistreich noch schön sind --- ein Leser, der sich, mit anderen Worten, nicht dazu berufen fühlt, gütiger zu sein…“
_________________ Es ist besser den Mund zu halten und dumm zu erscheinen, als ihn zu öffnen und jeden Zweifel zu zerstreuen. (Verfasser (mir) unbekannt --- Angelika meint, es sei Mark Twain... )
Zuletzt geändert von Alethea am Mittwoch 27. Dezember 2006, 21:13, insgesamt 1-mal geändert.
|
|