Vergleich Roman und Verfilmung „North & South“
Wie lange versprochen, nun endlich meine Rezension über die Buchtreue von der 2004-Verfilmung von „North & South“.
Wie bereits geschrieben, halte ich die Verfilmung für sehr gelungen!
Sie repräsentiert nicht nur die Charaktere und die sozialen Probleme der Zeit hervorragend, sondern fängt auch auf sehr eindrucksvolle Weise die Schauplätze und die düstere, kalte Atmosphäre von Milton im Kontrast zum sonnigen Helstone im Süden ein. Dieser Kontrast zwischen North und South ist visuell wundervoll umgesetzt.
Die Handlung und die Dialoge
Vom Handlungsverlauf hält sich die Verfilmung sehr eng an die Buchvorlage. Alle Ereignisse treten meist in exakt der gleichen oder zumindest sehr ähnlichen Reihenfolge auf wie im Buch. Die meisten Dialoge und Gespräche sind entweder wörtlich übernommen oder sehr eng angelehnt, hin und wieder ein wenig gekürzt, doch im Großen und Ganzen vollständig wiedergeben --- oft treten sie auch an genau der Stelle auf, an der sie auch im Buch stehen --- und wenn nicht, dann in einem anderen, ebenfalls passenden Kontext. (Mr Bell z.B. tritt im Buch erst später im Buch auf, aber das ist ja eigentlich irrelevant…)
Änderungen gab es jedoch auch, obwohl, wie ich finde, (bis vielleicht auf eine Sache) nicht zum Nachteil.
Von den Versammlungen der Arbeiter z.B. erfährt der Leser im Buch lediglich mündlich durch Higgins oder Bezzy. Da hat sich Mrs Gaskell dann doch nicht dran gewagt, solche Szenen aktiv zu beschreiben --- was ich ein wenig bedauerlich fand, da ich diese Szenen im Film unheimlich eindrucksvoll fand. Hier fand ich es z.B. sehr gut, dass diese Versammlungs-Szenen visuell umgesetzt wurden!
Das gleiche gilt für die Gespräche zwischen Mr Thornton und Higgins, nachdem ersterer Higgins bei sich eingestellt hat --- z.B. als das Projekt der „Kantine“ besprochen wird. Im Buch erfährt der Leser es wieder mündlich, als Mr Thornton Mr Bell davon erzählt. Auch hier fand ich es schön, dass diese Gespräche tatsächlich von Mr Armitage und Higgins gespielt wurden (es sind nämlich die Stellen, die ich mit am besten finde!)
Die Szene mit der Weltausstellung kommt im Buch gar nicht vor --- was ich allerdings sehr schade finde. Ich bin froh, dass sie im Film ergänzt wurde, da sie einen schönen Einblick in den gesellschaftlichen Hintergrund der Zeit gibt.
Auch die wunderschöne Schlussszene ist im Buch ein wenig anders --- dort findet das Gespräch zwischen Margaret und Mr Thornton im Haus der Lennox’ in London statt, nicht auf dem Bahnhof --- das Gespräch selbst ist aber identisch, die Worte die gleichen. Ich finde jedoch auch das Motiv der sich „in der Mitte“ kreuzenden Züge aus Norden und Süden sehr schön, wodurch Mr Thornton und Margaret vereint werden, und halte es visuell für einen gelungen Abschluss des Films, der ja ständig den krassen Gegensatz zwischen North und South betont und zeigt, wie sowohl Thornton und Margaret sich immer mehr ändern und annähern.
Die Heiratsantragsszene von Mr Thornton ist vom Dialog her anders. Hier finde ich die filmische Lösung ein wenig sprunghaft --- es wäre meiner Ansicht nach besser gewesen, wenn sie Mrs Gaskells Worte einfach übernommen hätten. Wenn man sich die Szene bei den „deleted scenes“ im Extra-Teil der DVD anschaut, so gewinnt die Szene an viel mehr Klarheit, doch dadurch, dass sie (selbst in der englischen Originalfassung!) einen Teil des Dialogs rausgeschnitten haben (warum, ist mir unbegreiflich!) ist sie ein wenig verwirrend. Ich finde die Szene aber trotzdem wunderschön!

Und ansonsten stimmt auch alles! Der Antrag findet zum gleichen Zeitpunkt statt und die Gefühle, die Margaret und Thornton zum Ausdruck bringen, sind durch Daniela Denby-Ashe und Mr Armitage hervorragend umgesetzt!
Die Charaktere
Die Charaktere in „North & South“ halte ich durchweg für ideal besetzt --- besonders natürlich die beiden Hauptcharaktere Margaret Hale und John Thornton. Nicht nur vom Äußerlichen her, sondern auch charakterlich sind sie perfekt getroffen, und sind unheimlich überzeugend in ihrer Rolle. Teilweise habe ich beim Lesen wirklich die Szenen vor meinem inneren Auge gesehen oder ihre Stimmen im Ohr gehabt.
Das gleiche gilt jedoch auch für Margarets Eltern, Mrs Thornton (vor allem sie!!), Nicholas Higgins (ich mag diesen Schauspieler! Er spielt echt gut!) und vor allem Mr Bell. Bei letzterem stimmt zwar das Aussehen nicht so ganz (im Buch ist er, wie ich es verstanden habe, vom Körperumfang voluminöser), aber ansonsten ist er sehr gut getroffen!
Die einzige Person, bei der charakterlich wirklich drastische „Änderungen“ vorgenommen wurden, war Bezzy Higgins. Hier musste ich beim Lesen an das denken, was Bruki damals bezüglich „Jane Eyre“ geschrieben hat --- nämlich dass Sandy Welch die Religiosität aus den Filmen eliminiert.
Auch bei Bezzy Higgins ist dies der Fall. Bezzy ist sehr religiös, kennt die Bibel (besonders das „Book of Revelation“) halb auswendig und spricht ständig von ihrem Tod (und zwar in mehr als melodramatischer Weise), bis es selbst Margaret negativ aufstößt. Mrs Gaskell neigt in der Beschreibung ihrer Arbeiter (noch „schlimmer“ ist es in ihrem Erstlingswerk „Mary Barton“!) stark zu Sentimentalität, was bei den Lesern ihrer Zeit vielleicht Mitleid erzielte, meiner Meinung nach aber für heutige Leser eher dazu führt, dass die Charakterisierungen unrealistisch und glaubwürdig erscheinen.
Bezzy im Film ist dagegen „down-to-earth“ und realistischer und gefällt mir so viel besser! Hier halte ich Sandy Welchs „Verfälschung“ des Charakters wirklich für eine Verbesserung!
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Um mal zum Ende zu kommen (

): Die BBC hat hier meiner Ansicht nach eine der gelungsten Literaturverfilmungen abgeliefert, die es gibt!!
Auf der Rückseite meiner deutschen DVD-Version von N&S wird sie --- zu Recht --- von der Qualität, Genauigkeit und Buchtreue mit P&P95 verglichen! Und ebenso sehr wie diese Verfilmung hat mich auch N&S begeistert!