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BeitragVerfasst: Sonntag 23. Juni 2013, 08:27 
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Kunstfertige Wortumdreherin und Meisterin im Freistil-Lesen
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Bzgl. Janes "Opferbereitschaft" steht in den Anmerkungen, dass man es zu Austens Zeit zumindest in bestimmten Kreisen wirklich so gesehen hat, als würde eine angehende Gouvernante ins Kloster gehen. Den ganzen Abschnitt kann man als entsprechende Analogie lesen: With the fortitude of a devoted noviciate, she had resolved at one-and-twenty to complete the sacrafice, and retire from all the pleasures of life, of rational intercourse, equal society, peace and hope, to penance and mortification forever.
Im katholischen Frankreich (und Italien) gingen mittellose und unverheiratete Frauen üblicherweise ins Kloster um niemandem zur Last zu fallen - im protestantischen England (und Deutschland) wurden sie, so möglich, Gouvernante.

Ob gerechtfertigt oder nicht - bei Austen und speziell in "Emma" gibt es soviele Erwähnungen über das harte Schicksal von Gouvernanten, dass dieser Vergleich hier ganz und gar nicht "veralbernd" gemeint sein muss. Jane hätte sich natürlich auch schon längst auf Männerjagd begeben können, aber das scheint nicht ihrem Charakter zu entsprechen, wie man in diesem Kapitel ahnt. "Miss Taylors" Lebensgeschichte scheint jedenfalls eine echte Ausnahme gewesen zu sein.


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Verfasst: Sonntag 23. Juni 2013, 08:27 


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BeitragVerfasst: Sonntag 23. Juni 2013, 18:02 
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Administrator und Captain a.D. of HMS Groupread
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Über die Anmerkungen in der kommentierten Ausgabe bin ich gerade gestolpert. Ich denke eigentlich auch, dass Austen das ernst meint. Aber die Formulierung "With the fortitude of a devoted noviciate" klingt doch im Austen-Kosmos sehr nach Ironie/Spott, oder? Und davon abgesehen: Die ganze Figur Jane Fairfax, so wie sie geschildert wird, passt doch durchaus in einen sentimentalen Frauenroman - oder meinst Du nicht?

@Julia: Übrigens: Meine Begeisterung über die Anmerkungen der genannten Ausgabe lässt langsam etwas nach. Ich finde, der Mann kapriziert sich zu oft auf sprachliche Hinweise, die nur bedingt nötig/nützlich sind. Ich würde mir öfter mehr Hintergrund zum Text wünschen. Aber damit will ich nicht sagen, dass die Ausgabe nicht sehr schön und gut ist.


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BeitragVerfasst: Sonntag 23. Juni 2013, 18:41 
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Kunstfertige Wortumdreherin und Meisterin im Freistil-Lesen
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Ja, geht mir ähnlich. Auch wenn es wahrscheinlich schwierig ist die Balance zwischen Sachkommentar und Interpretation zu halten. Letzteres hat mich zumindest bei der alten kommentierten P&P-Ausgabe sehr gestört.

Ich finde auch, dass Jane sehr ideal geschildert wird - ähnlich wie auch Jane Bennett, was zu Spekulationen über die Namenswahl einlädt. :wink: Diese Perfektheit legt natürlich die Vermutung nahe, dass die Figur nicht ganz ernst gemeint ist und irgendwie dem sentimentalen Frauen-/Schauerroman entlehnt ist. Dem müsste man noch nachgehen bzw. darauf achten, an nur einer Szene würde ich das nicht festmachen. Die Hintergrundgeschichte der heimlichen, unstandesgemäßen Verlobung ist aber definitiv entsprechender Stoff, insofern würde es schon passen. Für meinen Eindruck bleibt die Figur Jane aber generell ziemlich blass, so das ich es schwer finde, sie klar zu fassen - was vielleicht auch daran liegt, dass sie kaum wörtliche Rede hat.


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BeitragVerfasst: Sonntag 23. Juni 2013, 19:45 
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Administrator und Captain a.D. of HMS Groupread
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Stimmt, sie spielt im Grunde keine große Rolle. Ihre Funktion ist möglicherweise vor allem, ein Teil des Rätsels zu sein, in das Emma gerät - bei dem Emma ein Opfer ihrer Fantasie wird und zugleich von Frank Churchills Machenschaften.
Zugleich ist es aber ja interessant, wie eifersüchtig (kann man das sagen?) Emma auf Jane ist, weil die ihr in Eleganz und Kunstfertigkeit überlegen ist. Emma hat ja schon zwei mal, soweit ich mich erinnere, betont, wie wichtig es ihr ist, stets die Nummer eins zu sein - Jane ist ihr über. Also dient Jane vielleicht auch dazu, Emma zu verstehen. Oder noch einen Schritt weiter: Jane repräsentiert vielleicht den guten oder besten Teil von Emma (kein Zufall, dass Mr. Knightley Jane so mag :wink: ) - so wie Mrs Elton den schlechtesten Teil. Aber das greift jetzt ein wenig vor, ist vielleicht auch überzogen.


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BeitragVerfasst: Sonntag 23. Juni 2013, 21:52 
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Austenexperte
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Udo hat geschrieben:
Oder noch einen Schritt weiter: Jane repräsentiert vielleicht den guten oder besten Teil von Emma (kein Zufall, dass Mr. Knightley Jane so mag :wink: ) - so wie Mrs Elton den schlechtesten Teil. Aber das greift jetzt ein wenig vor, ist vielleicht auch überzogen.

Ich finde das nicht überzogen und kann den Gedanken gut nachvollziehen. Zumindest die erste Hälfte fand ich auch schon so, Mrs Elton als Spiegel der schlechten Seite ist aber schlüssig :top:
Auch wenn Emma das wohl nicht gern hören wird.
Allerdings kann ich Emma etwas verstehen, es scheint schon schwer zu sein, mit Jane Fairfax ins Gespräch zu kommen. Allerdings gibt sie, typisch Emma, auch ziemlich schnell auf. Ausdauer ist nicht wirklich ihre Stärke bis jetzt.

Elanor

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[During the 1960s] I think there was more sex in those old films than in all that thrashing around today. I'm tired of sex scenes.
Claudette Colbert

sadly enough, this is more than true in our times


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BeitragVerfasst: Sonntag 23. Juni 2013, 22:26 
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Ja, Jane wirkt sehr verschlossen. Sie ist vermutlich insgesamt eher introvertiert, im Gegensatz zur extrovertierten Emma. Ich finde für mich den Leseunterschied riesig: Beim ersten Lesen dachte ich bestimmt auch, dass Jane seltsam ist, jetzt habe ich natürlich immer ihren komplizierten Hintergrund im Kopf - man liest ganz anders, gerade hier auch ihre ausweichenden Antworten auf die Fragen nach Frank Churchill. Und dass ich es weiß, schmälert das Lesevergnügen gar nicht, vielleicht ist es sogar noch größer. Geht Euch das auch so?


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BeitragVerfasst: Montag 24. Juni 2013, 08:54 
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Kunstfertige Wortumdreherin und Meisterin im Freistil-Lesen
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Elanor hat geschrieben:
Udo hat geschrieben:
Oder noch einen Schritt weiter: Jane repräsentiert vielleicht den guten oder besten Teil von Emma (kein Zufall, dass Mr. Knightley Jane so mag :wink: ) - so wie Mrs Elton den schlechtesten Teil. Aber das greift jetzt ein wenig vor, ist vielleicht auch überzogen.

Ich finde das nicht überzogen und kann den Gedanken gut nachvollziehen. Zumindest die erste Hälfte fand ich auch schon so, Mrs Elton als Spiegel der schlechten Seite ist aber schlüssig.


Ich kann das auch gut nachvollziehen. Jane Fairfax und Mrs Elton sind zwei extreme Charaktere und Emma steht sozusagen "dazwischen", hat Charakterzüge von beiden.

Bei mir ist es definitiv so, dass sich das Lesevergnügen bei "Emma" vergrößert, wenn man die "Auflösung" kennt. Es hat was von einer Detektivgeschichte, bei der man die Hinweise auf den Mörder ja im besten Fall auch erst im Nachhinein wahrnimmt bzw. sich daran erinnert. Und es kommt immer wieder was neues dazu! Der Roman wäre auf jeden Fall sehr viel langweiliger, wenn man als Leser von Beginn an eingeweiht wäre.


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BeitragVerfasst: Montag 24. Juni 2013, 21:32 
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Spielt eigentlich in irgendeinem Austen-Roman das Thema Freundschaft eine so große Rolle wie in Emma? Emma ärgert sich ja offenbar ein wenig darüber, dass alle Leute meinen, sie müsse eng mit Jane befreundet sein - und tatsächlich könnte das gut sein, wenn Emma etwas selbstkritischer wäre und einsehen würde, dass sie nicht immer die erste Geige spielen muss.
Also eine Freundschaft, die gut sein könnte, aber nicht zustande kommt.
Sehr eng befreundet, geradezu innig, ist sie dagegen mit Mrs Weston, das scheint mir eine echte Freundschaft zu sein (obwohl das für Emmas Erziehung wohl nicht sehr gut war).
Dann ist da Harriet, der Emma ständig sagt, sie sei ihre Freundin - obwohl das auch nicht wirklich funktioniert. Und wieder nicht gut ist, diesmal vor allem für Harriet.
Und schließlich Mr Knightley, der ein enger Freund der Familie ist, sich manchmal wie der Onkel oder große Bruder von Emma verhält - der eigentlich aber ihr bester Freund ist. Und es bleiben könnte, wenn er emotional nicht auf Abwege geraten würde...

Viele Variationen des Themas Freundschaft. Aber ob das einen tieferen Sinn hat, weiß ich auch nicht.


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BeitragVerfasst: Montag 24. Juni 2013, 22:13 
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Austenexperte
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Udo hat geschrieben:
Und schließlich Mr Knightley, der ein enger Freund der Familie ist, sich manchmal wie der Onkel oder große Bruder von Emma verhält - der eigentlich aber ihr bester Freund ist. Und es bleiben könnte, wenn er emotional nicht auf Abwege geraten würde...

Warum soll er nicht ihr Freund bleiben? Ich weiß, er will nicht bloß ihr Freund sein, sagt er ja selber (auch wenn wir damit vorgreifen) Aber Ehen, in denen beide nicht auch Freunde sind, funktionieren auf Dauer vielleicht nicht ganz so gut. Siehe die Bennets, Gegenbeispiel Admiral Croft und seine Frau.
Beispiele im richtigen Leben gibt es natürlich viel mehr :wink:

Elanor

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BeitragVerfasst: Dienstag 25. Juni 2013, 06:38 
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Kunstfertige Wortumdreherin und Meisterin im Freistil-Lesen
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Ich denke, das Thema Freundschaft in all seinen Varianten spielt in allen JA-Romanen eine mehr oder weniger zentrale Rolle (außer vielleicht in S&S, wenn man Lucy Steeles kontinuierliches Aufdrängen ausnimmt) - was für die Epoche auch nicht verwunderlich oder auffällig ist: Lizzie/Charlotte, Darcy/Bingley, Catherine/Isabella, Catherine/Eleanor, Fanny/Edmund, Fanny/Miss Crawford, Anne/Lady Russell, ... Sogar Lady Susan hat eine enge Freundin. :wink:

Und gerade weil JA eigentlich immer die vernünftige bzw. "gereifte" Liebe favorisiert, haben die funktionierenden bzw. vielversprechenden Ehen immer auch starke freundschaftliche Elemente, wie Elanor schreibt.


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BeitragVerfasst: Dienstag 25. Juni 2013, 11:08 
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Ja, da habt Ihr natürlich Recht. Mir fiel nur auf, dass es aus Emmas Sicht so viele verschiedene Konstellationen/Varianten von Freundschaften gibt. Elizabeth Bennet z.B. hat doch nur eine Freundin, mit einem Mann ist sie gar nicht befreundet (jedenfalls nicht vor der Liebeserklärung/Ehe). Bei Anne Elliot würde ich die Beziehung zu Lady Russell nur bedingt als Freundschaft einordnen, die Lady ist ja eher sowas wie eine gute Tante. Catherine Morland hat zwei Freundinnen, stimmt.
Aber Emma hat immerhin gleich drei freundschaftliche Beziehungen plus die, die nicht wirklich zustande kommt mit Jane. Und vielleicht kann man sogar ihre Beziehung zu Frank Churchill als "befreundet" bezeichnen?
Aber wie gesagt: Eine Bedeutung muss das nicht haben, ist halt eher ein Blick auf das Beziehungsgeflecht der Romanfiguren - und da sieht man vielleicht, dass alle Stränge bei Emma zusammenlaufen. In keinem Roman von Austen steht die weibliche Figur ja so sehr im Mittelpunkt wie in diesem (außer vielleicht in Northanger Abbey, aber da hat Catherine als Heldin irgendwie nicht Emmas Format; und bei Persuasion ist Anne doch über lange Strecken eher eine passive Figur, die die Handlung nicht vorantreibt; von Fanny Price ganz zu schweigen). Ist wohl kein Zufall, dass nur dieser Roman nach der Hauptfigur benannt ist. :wink:


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BeitragVerfasst: Mittwoch 26. Juni 2013, 17:51 
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Kunstfertige Wortumdreherin und Meisterin im Freistil-Lesen
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21. Kapitel

Der Abend nach dem Dinner in Hartfield. Nachricht von Mr Eltons Verlobung und Harriets Zusammentreffen mit Elizabeth & Robert Martin.



Wieder ein interessanter Hinweis in Miss Bates' Wortschwall: Mr Eltons Interesse für Emma hatte also schon die Runde in Highbury gemacht, bevor Emma etwas davon ahnte. Klingt so als hätte Mr Elton bei Mr Cole mit seiner Eroberung geprahlt. :wink:
Die aufgeregte Harriet hat mir auch gut gefallen, toll wie man deren Atemlosigkeit und Verwirrung aus ihrem Monolog herausspüren kann. Und dannOh Miss Woodhouse, do talk to me and make me comfortable again! Sogar Emma hat etwas Schwierigkeiten, sich die Situation schön- bzw. schlechtzureden.
Überhaupt scheint so ein ungehemmter Redeschwall bei Austen ein Zeichen für mangelnde Intelligenz zu sein, oder? Nicht das Miss Bates dumm wäre, aber im Vergleich zu all den anderen wohldosierten Dialogen, erscheint ihre und Harriets verbale Maßlosigkeit zumindest auf ein einfacher gestricktes Gemüt bzw. mangelnde kommunikative (und soziale?) Kompetenz zu deuten. Also die fehlende Fähigkeit, die eigenen Gedanken und Eindrücke zu sortieren und dem Gegenüber anzupassen.


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BeitragVerfasst: Mittwoch 26. Juni 2013, 20:16 
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Julia hat geschrieben:
Wieder ein interessanter Hinweis in Miss Bates' Wortschwall: Mr Eltons Interesse für Emma hatte also schon die Runde in Highbury gemacht, bevor Emma etwas davon ahnte. Klingt so als hätte Mr Elton bei Mr Cole mit seiner Eroberung geprahlt. :wink:


Ja, Miss Bates Wortschwälle sollte man sich wohl genau anhören - so schwer das fällt... Ich glaube, Du hattest schon mal darauf hingewiesen, dass sich da ab und zu interessante Dinge verstecken. Ob sie auch dazu dienen, die Handlung voranzutreiben, weiß ich noch nicht. Vielleicht insofern, als Miss Bates Erzählungen über Mr. Dixon und die Campbells immerhin dazu führen, bei Emma einen romantischen Gedanken auf den Weg zu bringen.


Zitat:
Und dann Oh Miss Woodhouse, do talk to me and make me comfortable again! Sogar Emma hat etwas Schwierigkeiten, sich die Situation schön- bzw. schlechtzureden.


Mir fällt auf, dass Emma relativ sorglos ist, was Harriets Gefühlslage betrifft. Sie hat ja in einem vorigen Kapitel schon gesagt/gedacht, dass ein so schlichtes Gemüt wie Harriet sicher leicht über ein wenig Liebeskummer hinwegkommen werde - wobei nicht völlig klar ist, inwieweit sie das auch zur Selbstberuhigung denkt. Aber hier ist es ja wieder so, dass sie fast ein wenig genervt ist von Harriet (so wie sie früher auch schon die Nase voll davon hatte, über Mr. Elton reden zu müssen). Ich denke eigentlich, dass man das halbwegs nachvollziehen kann. Andererseits wirft es ja auch ein Licht auf Emmas Beziehung zu Harriet. Und auf Emma selbst. Denn negativ gewendet könnte man sagen, dass Emma bemerkenswert sorglos und (fast) gleichgültig mit Harriets Nöten umgeht. Auch kein Zeichen von sozialer Kompetenz - wenngleich nicht ganz so extrem wie Miss Bates Wortschwall. Vielleicht haben Miss Bates und Emma mehr gemeinsam, als Emma jemals lieb sein würde? :wink:

Am Anfang des Kapitels bin ich über Mr. Knightleys Verhalten Emma gegenüber gestolpert. Er freut sich also, dass Emma gegenüber Miss Fairfax so artig war. Und als Emma sie lobt, aufrichtig offenbar, heißt es: "Mr. Knightleys Gesichtsausdruck verriet, dass er sich seine ganze Freude nicht anmerken lassen wollte..."
Also irgendwie ist mir Mr. Knightleys Verhalten gegenüber Emma zu pädagogisch (das ist ja ein Grundvorbehalt gegen Mr. Knightley, hier fiel es mir nur mal wieder besonders auf). Die Szene wäre nachvollziehbar, wenn Mr. Knightley einen seiner Neffen (oder einen Sohn/eine Tochter) vor sich hätte: Ja, das freut den Erziehungsberechtigten, wenn das Kind brav tut, was man ihm so lange versucht hat beizubringen. Wenn ich in jemanden verliebt bin, wären mir solche Empfindungen eher leicht peinlich. Aber ich denke, für Austen war diese Art von Beziehung/Verhältnis/Umgangsform völlig normal und in Ordnung.


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BeitragVerfasst: Donnerstag 27. Juni 2013, 00:00 
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Kunstfertige Wortumdreherin und Meisterin im Freistil-Lesen
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Udo hat geschrieben:
Ja, Miss Bates Wortschwälle sollte man sich wohl genau anhören - so schwer das fällt... Ich glaube, Du hattest schon mal darauf hingewiesen, dass sich da ab und zu interessante Dinge verstecken. Ob sie auch dazu dienen, die Handlung voranzutreiben, weiß ich noch nicht.


Das wohl nicht, aber später gibt es einige Hinweise auf die Frank/Jane-Hintergrundgeschichte, die man erst beim zweiten/dritten/vierten/... Lesen als solche versteht.

Zitat:
Also irgendwie ist mir Mr. Knightleys Verhalten gegenüber Emma zu pädagogisch (das ist ja ein Grundvorbehalt gegen Mr. Knightley, hier fiel es mir nur mal wieder besonders auf). Die Szene wäre nachvollziehbar, wenn Mr. Knightley einen seiner Neffen (oder einen Sohn/eine Tochter) vor sich hätte: Ja, das freut den Erziehungsberechtigten, wenn das Kind brav tut, was man ihm so lange versucht hat beizubringen. Wenn ich in jemanden verliebt bin, wären mir solche Empfindungen eher leicht peinlich. Aber ich denke, für Austen war diese Art von Beziehung/Verhältnis/Umgangsform völlig normal und in Ordnung.


Ja, ich denke auch. Wobei ich eine "pädagogische" Tendenz grundsätzlich nicht weiter verwerflich finde, solange es auch noch andere Aspekte in einer Beziehung gibt. Und schließlich sind wir bei aller Modernität noch im 19. Jahrhundert. :wink:

Zwischen Emma und Miss Bates sehe ich eigentlich null Gemeinsamkeiten - oder woran denkst Du?


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 Betreff des Beitrags: Re: Groupread Emma, 21. Kapitel
BeitragVerfasst: Donnerstag 27. Juni 2013, 19:45 
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Administrator und Captain a.D. of HMS Groupread
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Julia hat geschrieben:
Zwischen Emma und Miss Bates sehe ich eigentlich null Gemeinsamkeiten - oder woran denkst Du?


Das war eher als Scherz gemeint. Wobei schon auffällt, wie kurz erschrocken Emma war, als Harriet ihr ausmalte, sie könne wie Miss Bates als alte Jungfer enden. :wink: Ansonsten bezog sich meine Bemerkung nur auf die mangelnde soziale Kompetenz, die beide mehr oder weniger kennzeichnet. Man könnte noch anmerken, dass Miss Bates Emma ein wenig voraus ist, was die Einschätzung von sich anbahnenden Beziehungen angeht: Sie immerhin hält es gleich für möglich, dass Mr. Elton ein Auge auf Emma geworfen haben könnte, als sie davon hört. Für Emma ist das jenseits jeden Vorstellungsvermögens....

Aber zu den Unterschieden: Ich finde es sehr lustig, dass Miss Bates hier im Kapitel sagt: "Ich kann mir nicht denken, dass es viele Orte mit so ausgesuchter Gesellschaft wie Highbury gibt."
Ein Kapitel vorher sagt/denkt ja Emma: "Hier galt nicht vulgär zu sein schon als Auszeichnung und Verdienst."

Also die herzensgute Miss Bates sieht sicher alles zu positiv, aber das ist immerhin nicht unsympathisch. Emma dagegen blickt von ziemlich weit oben herab auf ihre Umgebung. Wieder zwei Pole - die Wahrheit dürfte in der Mitte liegen.

Die Szene bei Ford erinnert doch sehr an die in Persuasion, oder? Als Captain Wentworth und Anne Elliot sich im Laden treffen, es regnet, man ist zusammengezwungen und die Gefühle verwirren sich.


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BeitragVerfasst: Donnerstag 27. Juni 2013, 19:57 
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Austenfrischling
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richtiger Name: Wolfgang Paul
Zu den "Wortschwällen" von Ms. Bates:
Das kann ich nicht so negativ finden. Es lockert doch die manchmal sehr beherrschten, duchdachten Dialoge und Gespräche etwas auf.
Ausserdem sind diese Monologe oder "Wortschwälle" vom literarischen Blickwinkel her viel anspruchsvoller, damit nicht nur Unsinn rauskommt.
Es ist wie die Darstellung eines Betrunkenen auf der Bühne: Es muss natürlich, nicht übertrieben, gespielt oder angestrengt wirken.
Wenn das gelingt, ist es hohe Kunst.

Von der Struktur her könnte man dieses Kapitel fast 1:1 in eine Film- oder Theaterszene übernehmen. Die Gesprächsinszenierung ist meiner Meinung nach ziemlich perfekt.

Interessant ist für mich auch das Geben und Nehmen:
Die Woodhouses geben den Schinken, die Bates den Dank und den Klatsch bzw. die Neuigkeiten.
Bei dieser Gelegenheit erweist sich Emma als sehr gebefreudig und sympathisch: sie stockt den von ihrem Vater gegebenen Teil des Schweins auf ein ganzes Viertel auf. Wie oft werden die Bates so richtig Fleisch auf dem Teller haben, bzw. so viel haben, dass sie es einpökeln können?


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BeitragVerfasst: Donnerstag 27. Juni 2013, 20:46 
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pauli hat geschrieben:
Zu den "Wortschwällen" von Ms. Bates:
Das kann ich nicht so negativ finden. Es lockert doch die manchmal sehr beherrschten, duchdachten Dialoge und Gespräche etwas auf.
Ausserdem sind diese Monologe oder "Wortschwälle" vom literarischen Blickwinkel her viel anspruchsvoller, damit nicht nur Unsinn rauskommt.
Es ist wie die Darstellung eines Betrunkenen auf der Bühne: Es muss natürlich, nicht übertrieben, gespielt oder angestrengt wirken.
Wenn das gelingt, ist es hohe Kunst.


Ich zumindest meinte auch nicht, dass die Wortschwälle an sich, so wie Austen sie sprachlich rüberbringt, negativ sind. Da würde ich Dir absolut zustimmen: Das ist toll gemacht! Man glaubt fast, man höre Miss Bates zu... Als literarisch-technisches Mittel finde ich das sehr geschickt, weil wir als Leser so ja viel Handlung erfahren, ohne dabei zu sein - sie wird aber nicht einfach erzählt (z.B. von der Erzählstimme), sondern in einen atemlosen Monolog verpackt. Finde ich grandios. Zumal es hier ja gleich zwei solcher Monologe gibt: Harriet kommt ja auch kaum zum Atmen, während sie in großem Aufruhr von ihrer Begegnung mit Mr. Martin berichtet. Da bekommen wir tatsächlich sehr viel und wichtige Handlung mit, so als ob wir dabeigewesen wären, jedenfalls ging mir das so, weil es so intensiv geschrieben ist.

Aber ich denke schon, dass die Wortschwälle helfen, Miss Bates zu charakterisieren - und da fürchte ich, dass die Gute nicht sehr gut dabei wegkommt. :wink: Negativ sind die Wortschwälle nur in diesem Sinne. Dabei fällt mir auf, dass Harriet durch ihren Monolog gewinnt. Sie redet ja sonst nicht sehr viel, bzw. oft nur so abgehakt, was wohl auch Rüchschlüsse zulassen soll - hier dagegen erzählt sie relativ glatt runter, unterbrochen nur immer wieder von Beschreibungen, wie es ihr dabei erging, was das Ganze noch lebendiger macht.

Zitat:
Von der Struktur her könnte man dieses Kapitel fast 1:1 in eine Film- oder Theaterszene übernehmen. Die Gesprächsinszenierung ist meiner Meinung nach ziemlich perfekt.


:ja: Jep, kommt mir bei Austen öfter mal so vor.


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BeitragVerfasst: Donnerstag 27. Juni 2013, 21:00 
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Kunstfertige Wortumdreherin und Meisterin im Freistil-Lesen
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pauli hat geschrieben:
Zu den "Wortschwällen" von Ms. Bates:
Das kann ich nicht so negativ finden. Es lockert doch die manchmal sehr beherrschten, duchdachten Dialoge und Gespräche etwas auf. Ausserdem sind diese Monologe oder "Wortschwälle" vom literarischen Blickwinkel her viel anspruchsvoller, damit nicht nur Unsinn rauskommt. Es ist wie die Darstellung eines Betrunkenen auf der Bühne: Es muss natürlich, nicht übertrieben, gespielt oder angestrengt wirken. Wenn das gelingt, ist es hohe Kunst.

Von der Struktur her könnte man dieses Kapitel fast 1:1 in eine Film- oder Theaterszene übernehmen. Die Gesprächsinszenierung ist meiner Meinung nach ziemlich perfekt.


Sehe ich auch so. Literarisch finde ich sowohl Harriets als auch Miss Bates' Monolog großartig (habe ich ja schon oft gesagt :wink: ), nur aus der Alltagsperspektive hatte ich etwas Mitleid mit Emma, die zweimal kurz hintereinander so überfallen wird.

Emmas Großzügigkeit bzw. die explizite Erwähnung dessen ist mir auch aufgefallen - ähnlich wie auch bei der ersten Dinnereinladung, wo der Vater alle vom Essen abhalten will und Emma fleißig die Pasteten(?) herumreicht.


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BeitragVerfasst: Donnerstag 27. Juni 2013, 21:32 
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Wo Robert Martin hier gerade noch mal erwähnt wird: Ich bin neulich darauf gestoßen, dass der Mann im gesamten Buch kein einziges Wort in direkter Rede sagt. Immerhin darf er auftreten, Mr. Perry ist ja nicht mal das vergönnt.... :wink: Ich habe noch keine Erklärung, warum Austen das macht. Vielleicht gibt es auch keine? Bei Martin könnte das sein, bei Perry muss mehr dahinterstecken - hatten wir das schon geklärt? Ich erinnere mich nur, dass Julia die abwesenden Figuren erwähnt hat.


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BeitragVerfasst: Freitag 28. Juni 2013, 09:10 
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Warum "muss" bei Mr Perry was dahinter stecken (und bei Mr Martin nicht)? Übrigens haben auch Mrs Goddard und Mrs Bates keine wörtliche Rede, soweit ich mich erinnere.
Ausgehend von dem was Du weiter oben über Emmas zentrale Rolle geschrieben hast, fällt mir auf, dass das alles keine Gesprächspartner von Emma sind, also Emma - abgesehen von Höflichkeitsfloskeln vielleicht, und die werden ja bei Austen so gut wie nie wörtlich wiedergegeben - nicht mit ihnen spricht. Vielleicht ist das ein Grund? Das würde zumindest zur Struktur/Konzeption des Romans passen.


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BeitragVerfasst: Freitag 28. Juni 2013, 19:51 
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Julia hat geschrieben:
Warum "muss" bei Mr Perry was dahinter stecken (und bei Mr Martin nicht)?

Es "muss" natürlich nicht, aber ich habe schwer den Verdacht, dass da im einen Fall Absicht dahinter stecken könnte, im anderen nicht unbedingt. Denn Mr. Perry ist ja geradezu omnipräsent in Highbury, als Apotheker ist er vermutlich die wichtigste Schaltstelle für News, niemand kommt so viel rum wie er. Tatsächlich verbreiten sich ja manche Neuigkeiten auch über ihn, etwa die, dass Mr. Elton nach London reist, einer Dame wegen... Und für manche Personen ist er auch sonst ein Fixstern, vor allem für Mr. Woodhouse. Also dermaßen viel Präsenz - und dann tritt der Mann nicht ein einziges Mal richtig auf... Das wirkt auf mich wie ein sehr gelungener Scherz von Austen. Wenn man es bemerkt, findet man es doch sofort mindestens kurios - eben weil man es auch leicht gar nicht bemerken kann, so gut hat Austen diesen Umstand verborgen, indem sie die Figuren so oft von Mr. Perry reden lässt.

Bei Mr. Martin finde ich Deine Deutung sehr plausibel, dass das einfach daran liegt, dass er nicht wichtig für Emma ist. Also warum soll er reden? :wink: Aber auch bei ihm war ich mir lange sicher, dass er irgendwann mal zu Wort kommt. Tut er nicht.
Mrs Bates auch nicht? Ich dachte, sie sagt mal einen Satz, als Emma Miss Bates reumütig besuchen will, liefert Mrs Bates da nicht die Ausrede? Müsste ich nachschlagen.

Ich finde hier noch Jane Fairfay interessant. Erstmals wird angedeutet, dass sie gegenüber den Bates auch mal ein wenig lästern könnte, also nicht nur perfekt ist. Ansonsten erntet sie ja von Emma allerhöchstes Lob für ihre Eleganz. Ganz sicher kann man nicht sein, ob Emma sie wirklich bewundert - oder ob sie es Mr. Knightley zuliebe sagt. Oder nur, um zu demonstrieren, dass sie objektiv zu urteilen weiß. Aber so oder so: Jane scheint eine bemerkenswert elegante Dame zu sein. Soweit ich mich erinnere, ist es bei Austen in der Regel auch eine echte Auszeichnung, wenn das Äußere von achtbaren Personen gelobt wird. (Also Miss Bingley in P&P mag auch elegant sein - aber irgendwie wirkt das aufgesetzt bei ihr.) Jane dagegen wird so sehr von Emma und Mr. Knightley gelobt, dass sie wohl wirklich ein sehr positiver Charakter im Roman ist.


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BeitragVerfasst: Samstag 29. Juni 2013, 20:32 
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22. Kapitel

Erste Neuigkeiten aus zweiter und dritter Hand von der zukünftigen Mrs Elton. Emma hat - wie alle anderen - auch schon eine Meinung.


____________________________________________

Den ersten Satz finde ich ganz schön happig, aber auch typisch Austen: Human nature is so well disposed towards those who are in interesting situations, that a young person, who either marries or dies, is sure of being kindly spoken of. Ehe und Tod in einem Satz/Atemzug, wie passend. :wink:

Die Anmerkungen weisen ausführlich auf ein Detail bzgl. Miss Hawkins Familienhintergrund hin, es geht um diesen Satz, bzw. diesen Teil: Miss Hawkins was the youngest of the two daughters of a Bristol -- merchant, of course, he must be called; but, as the whole of the profits of his mercantile life appeared so very moderate, it was not unfair to guess the dignity of his line of trade had been very moderate also. Es heißt (und ich hab das schon gelegentlich an anderer Stelle gelesen), dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts Bristol eng mit dem Sklavenhandel verknüpft war - die Nennung der Stadt bei Zeitgenossen also automatisch gewisse Assoziationen wachrief, die Austen mit dem "zögernden" Gedankenstrich und der bewusstgemachten Umschreibung noch betont. Das passt auch zu dem späteren Wortwechsel (in Kapitel 35), in dem Mrs Elton ja viel daran liegt zu betonen, Jane Fairfaxes möglicher zukünftiger Arbeitgeber wäre immer gegen den Sklavenhandel gewesen.


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BeitragVerfasst: Samstag 29. Juni 2013, 23:43 
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Den ersten Satz finde ich auch großartig! Damit könnte man auch einen Roman anfangen.

Über den Gedankenstrich (bzw bei Grawe drei Punkten ... ) vor Bristol bin ich auch gestolpert, hab mir aber nix gedacht dabei, weil Austen das ja ab und zu macht, allerdings macht es hier keinen Sinn. Dann las ich die Anmerkungen... :thud: Also es kann gut sein, dass Austen, weil Bristol als Sklavenhandelstadt bekannt war, negative Assoziationen mit der Familie Hawkins wecken wollte. Soweit gehe ich mit. Dass Mr Hawkins selbst Sklavenhändler war, wie die Anmerkungen vermuten, halte ich dagegen für zu weit gehende Spekulation - wieso sollte dann Mrs Elton später betonen, dass Janes Arbeitgeber kein Sklavenhändler ist? Macht für mich keinen Sinn.
Fast schon lächerlich finde ich, dass der Kommentator diese Stelle als großen Gegenbeweis anführt gegen alle Leute, die Austen vorhalten, sie würde den politischen Hintergrund ihrer Geschichten zu kurz kommen lassen (oder praktisch ignorieren). 600 Seiten kein Wort über Politik, aber ein Gedankenstrich und ein Ortsname wiegen das locker auf? Da muss man schon ein total verblendeter Austen-Apologet sein... Aber der Mann hat, glaube ich, auch argumentiert, dass die Erwähnung einer bestimmten Käsesorte zeige, wie bewusst Austen ich weiß nicht mehr was war, vielleicht die sozialpolitischen Spannungen zwischen England und Wales.
Eine Bitte, Julia: Da mein Englisch zu mau ist, könntest du vielleicht kurz seine Kernaussagen in der Bristol-Anmerkung zusammenfassen? Unklar ist mir vor allem die Passage über Mansfield Park. Bin noch nicht dazu gekommen, alle Vokabeln nachzuschlagen....


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BeitragVerfasst: Sonntag 30. Juni 2013, 13:44 
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Für mich ist die Kernaussage der Anmerkung nicht, dass Mr Hawkins ein Sklavenhändler gewesen ist oder sein "muss" (was dort übrigens überhaupt nicht steht!), sondern ein weiterer wichtiger Hinweis darauf, dass in Austens Texten einiges mitschwingt, was für damalige Leser gewisse Assoziationen weckte, die heute ohne entsprechendes Hintergrundwissen nicht mehr klar sind.

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Als Hintergrund wird in den Ausführungen eine in den 1990ern von Edward Said angestoßene Debatte über "Mansfield Park" und Sklaverei näher erläutert. Die dortige Form der Implikation (also durch allgemein verständliche Referenzen etwas - in diesem Fall ein politisches/soziales Thema - andeuten, ohne dass es explizit genannt oder diskutiert wird) wird seitdem detailliert und auch in den anderen Romanen von JA untersucht. Said bezog sich aber explizit auf MP, dessen Struktur und Handlungsverlauf seiner Meinung nach eng mit Sir Thomas An- und Abwesenheit in seinen Plantagen auf Antigua, sowie seinem u.a. dort erworbenen und vergrößerten Besitz & sozialen Status verknüpft ist. Said meint, die mögliche Analogie von Mansfield Park (dem Anwesen/Familie inkl. Fanny) als "britisches Empire im Kleinformat" werde Lesern vor allem wegen der Nennung "Antigua" klar. Also eine ähnliche Implikation wie hier in "Emma" Bristol. Wobei es in MP natürlich deutlicher ist, dass Sir Thomas Plantagen besitzt, die wohl nicht von gut bezahlten britischen Staatsbürgern bewirtschaftet wurden. Und dann natürlich durch das eisige Schweigen, dass Fanny erntet, als sie nach dem Sklavenhandel fragt.

Diese relativ neue Aufmerksamkeit für Austens politisches und soziales Umfeld sehe ich persönlich als großen Gewinn. Leider ist man immernoch viel zu sehr geprägt von der jahrzehntelangen Annahme, in ihren Romanen gehe es nur um Teekränzchen und ums Heiraten und alles andere komme nicht vor (diverse Adaptionen taten ihr übriges). Sicherlich wird keiner auf die Idee kommen in Austens Werk hochpolitische und zeitgeschichtliche Debatten zu suchen - aber die Themen ihrer Zeit spielen im Hintergrund immer mit, auch wenn sie nicht oder nur selten explizit diskutiert werden. Gerade in "Mansfield Park". Oder auch "Emma" und "Persuasion". Manche finden es eben spannend (und Literaturwissenschaftler werden wenn dann dafür bezahlt :wink:) zwischen den Zeilen zu lesen und diese oder jene Aspekte der Romane mit zeitgenössischen politischen & gesellschaftlichen Themen zu vergleichen oder die Briefe danach zu durchsieben. Kann man überflüssig finden, ich finde die Perspektive jedoch bereichernd - was noch lange nicht heißt, dass man jeden Gedankengang als unumstößlichen Fakt verstehen muss.
Selbst in den wenigen erhaltenen Briefen finden sich zum Beispiel zu genau der Zeit in der Austen an "Mansfield Park" arbeitete, einige Erwähnungen des bekannten Abolitionisten Thomas Clarkson (der u.a. auch in "Amazing Grace" als radikalisierter Wirrkopf auftritt), an den sie sich als in ihn "verliebt" gewesen erinnert, und dessen Schriften sie zu dieser Zeit erneut las. Ebenso werden militärgeschichtliche Texte/Bücher erwähnt - aber da müsste ich nochmal nachschauen, ob die auch mit der Entstehung eines Romans zusammenfallen.

Übrigens war JAs Vater selbst einige Zeit Teilhaber einer Gesellschaft, die Plantagen in der Karibik besaß. Das Thema dürfte also auch im privaten Bereich für JA nicht so fremd und abwegig gewesen sein.

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Zurück zu "Emma": Ich denke es geht in der Anmerkung zu dieser Stelle nicht darum, etwas zu "beweisen" oder die These aufzustellen es müsse wegen dieser oder jener Formulierung so oder so sein. Dass Dir die Stelle aufgefallen ist, ohne dass Du wusstest was sie bedeutet, spricht ja schon für sich. Schlüsse kann nach so einer Information dann ja jeder selber ziehen und letztendlich denke ich persönlich sowieso nicht, dass es für "Emma" relevant ist, durch welche mit dem Sklavenhandel verstrickten Kanäle und Nebengeschäfte Mr Hawkins nun sein (ohnehin bescheidenes) Vermögen gemacht hat. Einen Zusammenhang mit Mrs Eltons späterer Empfindlichkeit bzgl. des Themas sehe ich aber schon. Ihr ist es wichtig, sich und ihre Bekannten von dem Thema zu distanzieren. Das mag generell mit der zeitgenössischen öffentlichen Meinung zu tun haben, oder auch mit ihrer ihr vielleicht unliebsamen Familiengeschichte.


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BeitragVerfasst: Sonntag 30. Juni 2013, 15:11 
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Julia hat geschrieben:
Für mich ist die Kernaussage der Anmerkung nicht, dass Mr Hawkins ein Sklavenhändler gewesen ist oder sein "muss" (was dort übrigens überhaupt nicht steht!), sondern ein weiterer wichtiger Hinweis darauf, dass in Austens Texten einiges mitschwingt, was für damalige Leser gewisse Assoziationen weckte, die heute ohne entsprechendes Hintergrundwissen nicht mehr klar sind.


Wenn das da gar nicht steht, ziehe ich alles zurück, entschuldige mich für mein mieses Englisch und behaupte das Gegenteil... :wink:
Aber vorweg: Den Ansatz, nach sprachlichen Implikationen zu suchen, die auf einen politisch-historischen Hintergrund verweisen, finde ich selbstverständlich auch gut und richtig! Du weißt doch, dass ich dazu neige, mit allen zehn Fingern zwischen den Zeilen zu kratzen in der Hoffnung, irgendwo sowas wie Sozialkritik zu finden. :wink: Das finde ich halt interessant, deshalb versuche ich, darauf zu achten.
In den Anmerkungen habe ich dann wohl folgende Stelle überinterpretiert, wo Bharat Tandon schreibt:

"Thus, while scoring on one level off the small-time nature of Mr. Hawkin´s business, Austen´s sentence can, through the association of `Bristol´, make more nebulous suggestions about how that business may be mired in the economics of slavery; this would certainly be consistent with Mrs. Elton´s later touchiness about the Sucklings and the slave trade in vol. II., chap 17."

Das habe ich so gelesen, als ob Tandon sagen wolle, dem Leser damals sei klar gewesen, dass Mr. Hawkins zumindest in den Sklavenhandel verstrickt gewesen sein müsse. Aber ja, da steht "nebulous suggestions", eindeutig ist es also wohl nicht.

Vielen Dank für Deine Zusammenfassung! In der MP-Stelle gab es einen Satz, den ich fast so verstanden habe, als ob der Autor sagen wollte, Austen habe die Notwendigkeit der Sklaverei (bzw. eines britischen Imperiums) akzeptiert....

Übrigens könnte man die Punkte oder den Gedankenstrich ja auch einfach so deuten, dass so die Abscheu Emmas vor Kaufleuten betont werden sollte: "... Kaufmanns, so musste man es wohl nennen". Aus Emmas Sicht waren Kaufleute wohl nicht sehr hoch angesehen.

Aber Du hast Recht: Für die Handlung ist es ziemlich egal, wie Miss Hawkins zu ihren 10 000 Pfund gekommen ist.

Mich wundert hier ein wenig, dass Emma meint, Augustas Schönheit verblasse gegen Harriets - das kann sie doch gar nicht wissen? Oder ist das Wunschdenken?
Das Dorf scheint jedoch sicher, dass sie "in jeder Hinsicht ein Muster an weiblicher Vollkommenheit darstellte". Ein paar Seiten vorher hat ja Emma, sicher ironisch, über Mr. Elton gesagt, dass er "das Ideal aller körperlichen und geistigen Vollkommenheit in Highbury" sei. Also offensichtlich ein vollkommen perfektes Paar... :wink:


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BeitragVerfasst: Sonntag 30. Juni 2013, 19:14 
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Der Satz des Anstoßes klingt übersetzt ganz harmlos :wink: :

"Während Austens Formulierung zum einen auf den geringen Umfang von Mr Hawkins' Geschäften abzielt, kann diese durch die Assoziation mit "Bristol" ebenso auf mögliche unvorteilhafte (wörtlich "schmutzige") Verstrickungen mit dem Sklavenhandel verweisen - was sicherlich zu Mrs Eltons späterer Empfindlichkeit bezüglich den Sucklings und dem Sklavenhandel in Band 2, Kapitel 17 passen würde."

Udo hat geschrieben:
In der MP-Stelle gab es einen Satz, den ich fast so verstanden habe, als ob der Autor sagen wollte, Austen habe die Notwendigkeit der Sklaverei (bzw. eines britischen Imperiums) akzeptiert ...


So meinte es Said wohl auch, und ich glaube hauptsächlich daran hat sich wohl die darauf folgende angesprochene Debatte entzündet. Man kann es wohl so oder so lesen, wie so häufig: Entweder Austen ist die rückwärtsgewandte Konservative oder eine subversive Reformanhängerin. :wink: Letzteres hätten die meisten natürlich lieber, wer will schon einer verstaubten Gestrigen anhängen.

Zitat:
Mich wundert hier ein wenig, dass Emma meint, Augustas Schönheit verblasse gegen Harriets - das kann sie doch gar nicht wissen? Oder ist das Wunschdenken?


Noch weiß ja keiner, wie Miss Hawkins aussieht - und während viele bemüht sind, das Beste anzunehmen (wohl weil sie Mr Elton mögen), malt sich Emma eben was Negatives aus. Harriet muss also einfach hübscher sein. :wink: Das ist übrigens eine der Stellen, auf die ich mich bezog, als ich zu Beginn des Groupreads meinte, Emma sei nicht die Einzige in Highbury, mit der die Phantasie durchgeht oder die sich von ihrem persönlichen Wunschdenken leiten lässt.


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BeitragVerfasst: Sonntag 30. Juni 2013, 23:32 
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Julia hat geschrieben:
Der Satz des Anstoßes klingt übersetzt ganz harmlos :wink:


So ganz falsch lag ich dann ja nicht. Manchmal denke ich, die Austen-Megafans deuteln zu viel hinein in ihre Texte, nur um sie partout gegen Kritik zu verteidigen.

Zitat:
Man kann es wohl so oder so lesen, wie so häufig: Entweder Austen ist die rückwärtsgewandte Konservative oder eine subversive Reformanhängerin. :wink: Letzteres hätten die meisten natürlich lieber, wer will schon einer verstaubten Gestrigen anhängen.


Genau. In schwachen Stunden oder Minuten fürchte ich manchmal, Austen könnte viel, viel konservativer, rückwärtsgewandter gewesen sein, als mir lieb ist. Park Honans Biographie hat mir auch deshalb nicht so doll gefallen.... Honan hält sie für eine sehr religiös-konservative Autorin. Das sagt aber natürlich wenig über die Qualität der Texte. :wink:


Zitat:
Das ist übrigens eine der Stellen, auf die ich mich bezog, als ich zu Beginn des Groupreads meinte, Emma sei nicht die Einzige in Highbury, mit der die Phantasie durchgeht oder die sich von ihrem persönlichen Wunschdenken leiten lässt.


Ja, aber die Dorfbewohner denken ja offenbar nur Gutes - Emma dagegen denkt nur Schlechtes von Augusta, ihrem Vater und sogar ihrem armen Onkel! (Auch der Satz über die Leere in Harriets Kopf, den ich Emma zuschreibe, ist übrigens nicht wirklich nett...) Immerhin sieht sie endlich ein, dass sie Mr. Elton komplett falsch eingeschätzt hat. Aber sie ist noch ein Stück entfernt davon, ihr Urteilsvermögen ernsthaft in Frage zu stellen. So ahnt sie nur halb intuitiv, dass es nicht in Ordnung ist, wie sie Harriets Besuch bei den Martins verkürzen kann. Hier verlässt sie sogar ihr ansonsten doch sehr ausgeprägter Sinn dafür, was sich gehört. Ich finde es interessant, wie sie sich langsam entwickelt. Wie Mr. Knightley sagte: Man ist gespannt, was noch aus ihr wird.


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BeitragVerfasst: Montag 1. Juli 2013, 07:37 
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Udo hat geschrieben:
Julia hat geschrieben:
Der Satz des Anstoßes klingt übersetzt ganz harmlos :wink:


So ganz falsch lag ich dann ja nicht. Manchmal denke ich, die Austen-Megafans deuteln zu viel hinein in ihre Texte, nur um sie partout gegen Kritik zu verteidigen.


Verstehst Du den Satz/die Anmerkung so, oder meinst Du das generell? Der Verweis auf eine mögliche Assoziation ist doch sehr ausgewogen formuliert, Tandon gibt hier meinem Eindruck nach sowieso eher die verschiedenen Forschungsmeinungen wieder und nicht (nur) seine eigene.
Ich weiß nicht, ob das mit "Fan"-Sein oder nicht sein zu tun haben muss, wenn man Austen als sozialkritisch oder progressiv versteht. Jeder hat seine Lesart und viele machen Sinn, auch wenn sie widersprüchlich sind.
Abgesehen davon, war der Sklavenhandel bzw. die Abschaffung des Sklavenhandels kein großes gesellschaftliches Reizthema mehr - die bürgerliche Mehrheit war zu Beginn des 19. Jahrhunderts dafür und sowieso war er schon zu weiten Teilen verboten. Mit einer kritischen Haltung (und die ist für mich bei Austen sonnenklar, schon allein wegen der wiederholten & begeisterten Clarkson-Lektüre) lehnte man sich also nicht gerade weit aus dem Fenster.


(Kann es sein, dass wir ein paar Mitleser verloren haben? Elanor und Miranda zum Beispiel? Sind wir zu schnell?)


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BeitragVerfasst: Montag 1. Juli 2013, 13:46 
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Julia hat geschrieben:
Verstehst Du den Satz/die Anmerkung so, oder meinst Du das generell? Der Verweis auf eine mögliche Assoziation ist doch sehr ausgewogen formuliert, Tandon gibt hier meinem Eindruck nach sowieso eher die verschiedenen Forschungsmeinungen wieder und nicht (nur) seine eigene.

Ich meinte beides. Bei Tandon habe ich den Eindruck, dass er sehr zum übertriebenen Verteidigen neigt - jedenfalls was die Kritik an Austen betrifft, sie habe sich zu wenig um die politischen und sozialen Geschehnisse ihrer Zeit gekümmert. Es mag gut sein, dass allein die Erwähnung des Namens "Bristol" bei den damaligen Austen-Lesern den Eindruck erweckt, Mr. Hawkins könnte in den Sklavenhandel verstrickt sein. Wenn man so ein winziges Detail (wovon es bei Austen sicher noch mehr gibt) als Beleg dafür anführen muss, dass Austen die politischen Ereignisse ihrer Zeit sehr wohl verarbeitet habe in ihren Romanen, dann finde ich das ein wenig dünn. Sehr dünn. Tanton schreibt zu "Bristol":
"This moment offers a significant counter to the argument that Austen´s novels studiously ignore contemporary politics."
Nein, würde ich da sagen, das ist einfach zu schwach. Selbstverständlich schwingt bei Austen der historische Hintergrund immer mit, man muss ihn auch immer beachten, sicher kann man auch viele Verweise finden (mit etwas Mühe) auf diesen Hintergrund (vor allem in Mansfield Park), aber ich glaube inzwischen, dass Austen mit ihren Romanen nicht in erster Linie ein politisches Statement zur Lage des Empires geben wollte.

Zitat:
Ich weiß nicht, ob das mit "Fan"-Sein oder nicht sein zu tun haben muss, wenn man Austen als sozialkritisch oder progressiv versteht. Jeder hat seine Lesart und viele machen Sinn, auch wenn sie widersprüchlich sind.


Es muss nicht damit zu tun haben, hat es aber öfter mal, scheint mir. Davon zeugt ja praktisch die gesamte Rezeptionsgeschichte des Austen-Werkes. Wir kennen das ja: Erst haben ihre Biographen/Nachkommen alles getan, um sie als gute Tante vom Lande erscheinen zu lassen, die Janeites waren doch sehr darum bemüht, ihr Bild (sogar wortwörtlich ihr gemaltes Porträt) in den schönsten Farben und Ausdrücken erscheinen zu lassen. Dann setzte mit der Entwicklung der Literaturkritik eine lange Diskussion an, ob Austen eine Kämpferin für die konservativ-moralischen Werte ist (Park Honan gehört dazu, alle Vertreter dieser Linie verweisen immer ausführlich auf Mansfield Park) - oder ob sie eine sehr subversive Streiterin für den gesellschaftlichen Wandel ist, oder zumindest eine scharf sezierende Kritikerin. Die marxistische Kritik hat Austen erst in die Tonne getreten, dann hat man den herausragenden Realismus erkannt, weshalb man sich mit ihr versöhnt hat. Die ganze Debatte bekam noch mal neuen Schub, als sich in den 70ern die feministische Literaturkritik an Austen abzuarbeiten begann. Und wieder gab es zwei Extrempositionen: Austen ist eine Anti-Feministin / Austen streitet für die Freiheit der Frauen, sie ist mindestens eine Prä-Feministin.
Und ziemlich oft sind es die Austen-Epigonen, die ihre brav-romantische Seite betonen, während die andere Seite, die den sozialkritischen oder feministischen Aspekt betont, erst darum kämpfen muss, Austen von ihrem Ballast zu befreien. Vielleicht wird deshalb so erbittert gedeutelt und interpretiert?
Tandons Ansatz ist mir ja sehr sympathisch - ich finde nur, er übertreibt es ziemlich. Aber vielleicht tue ich ihm auch Unrecht?


Zitat:
(Kann es sein, dass wir ein paar Mitleser verloren haben? Elanor und Miranda zum Beispiel? Sind wir zu schnell?)


Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Elanor sprach im Chat, glaube ich, von Urlaub. Aber wie steht es mit den anderen? Außer Pauli noch wer da?


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BeitragVerfasst: Mittwoch 3. Juli 2013, 20:52 
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Kapitel 23

Harriet besucht die Martins. Frank Churchills Besuch wird erneut angekündigt und nun kommt er tatsächlich. Emma und er begegnen sich zum ersten Mal.


______________________________________

Emmas Umgang mit Harriet bzw. ihrem Pflichtbesuch bei den Martins erinnert mich einmal mehr an Emma als "Autorin". Hier eine Autorin, die ihren Figuren Unangenehmes zumutet (und auch sich), weil es eben "sein muss" oder "nicht anders geht": It was a bad business. She would have given a great deal, or endured a great deal, to have had the Martins in a higher rank of life. They were so deserving, that a little higher should have been enough: but as it was, how could she have done otherwise? - Impossible! - She could not repent. They must be separated; but there was a great deal of pain in the process - so much to herself at this time, that she soon felt the necessity of a little consolation, (...).
Die gesellschaftliche Schranke, die Emma hier als unüberwindliches (und einziges) Hindernis sieht, hat sie ja selbst aufgestellt. So hoch, dass sie nicht mehr drüber springen kann obwohl sie es gern möchte? Jedenfalls klingt der Satz danach.

Die erste Begegnung mit Frank Churchill illustriert sehr schön, dass Emma trotz Wunschdenken und demgeschuldeter Verblendung eigentlich eine sehr gute Menschenkenntnis bzw. Gespür für Charaktere hat. Franks Galanterien durchschaut sie jedenfalls gleich sehr gut.


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