Edda hat geschrieben:
Im Verlauf des Kapitels wird auch die "Rangfolge" - erst die Knightleys, dann Familie Woodhouse - geklärt...
Julia hat geschrieben:
Eine Frage, die ich mir außerdem stelle - und ob das von Austen so gedacht war, oder nur aus heutiger Lesersicht so erscheint - wer in Emmas Augen in Highbury denn nun für Harriet passend sein soll.
Mir scheint, das ganze Thema "sozialer Status" erreicht in diesem Kapitel einen Höhepunkt. Donwell hat den größten Landbesitz, was sicher sehr wichtig war. Andererseits leben die Woodhouses offenbar seit Generationen in Highbury/Hartfield, was für das Ansehen einer Familie fast noch wichtiger war: von "guter, alter Familie" zu sein definierte meines Wissens damals geradezu den sozialen Status (sofern auch noch genügend Geld da war). Die Knightleys waren also bestimmt sehr reich, vielleicht reicher als Mr. Woodhouse, aber in der sozialen Hierarchie vielleicht doch nicht ganz, ganz oben? Wir erfahren nicht, woher Mr. Woodhouse sein Vermögen hat, aber man kann vermutlich davon ausgehen, dass es kein "neues Geld" ist, also nichts, was durch Handel oder gar industrielle Investitionen erworben wurde. Die Knightleys und die Woodhouses stehen also für die alte, feudale Klasse, guter britischer Landadel, könnte man vielleicht sagen. Dagegen stand ja zu Beginn des 19. Jahrhunderts (und vorher schon) das aufstrebende Bürgertum, die Händler und Industriellen. So heißt es hier abfällig über Mr. Elton: "mit nichts als Beziehungen zu Kaufmannskreisen". Austen macht sich ja gerne lustig über die feudale Klasse (Sir Walter Elliot in
Persuasion, Lady Catherine de Bourgh in
P&P, auch Mr. Woodhouse ist ja eher eine Witzfigur), dazu passt vielleicht, dass die dünkelhafte Emma so total daneben liegt in ihren sozialen Einschätzungen?
Konkret in diesem Kapitel: Emma ist empört, sie fühlt sich ernstlich beleidigt, weil Mr. Elton auf den Gedanken kommen konnte, sie sei für ihn erreichbar. Es geht dabei nicht nur darum, dass sie erkennt, dass er in ihr nur "eine gute Partie" sieht, also glaubt, sich hochheiraten zu können, Emma nur benutzen zu können. Fast schlimmer ist für sie, dass er es wagt, ihren so weit überlegenen sozialen Status in Frage zu stellen, indem er ihr einen Antrag macht. Dies als
beledigend zu empfinden, ist schon nicht wenig snobbistisch. Sie hält ihm vor, dass er "die Rangabstufungen unter sich ins Feinste beherrschte und doch so blind für das war, was über ihm lag" - ironischerweise wirft sie ihm also vor, was ihr zum Teil auch völlig abgeht. Jedenfalls dann, wenn es in ihre Fantasiewelt passt: Die uneheliche Harriet darf Mr. Elton oder gar Mr. Churchill heiraten, ebenso wie sie nichts dabei findet, dass die arme Miss Taylor die Frau von Mr. Weston wird, der ihr nach seiner früheren Heirat ja gesellschaftlich auch weit überlegen ist.
Und dann ist es geradezu noch ein Indiz für ihre Dünkelhaftigkeit oder Arroganz, dass sie Mr. Eltons "Fehlverhalten" damt entschuldigt, dass er halt einfach zu doof ist, um zu kapieren, dass Emma für ihn immer anbetungswürdig, aber zugleich in unerreichbarer Ferne bleiben wird: "Gerade dieser Mangel an Niveau verhinderte womöglich, dass er ihn als solchen wahrnahm..." Und es geht noch weiter: Sie ist immer noch zutiefst überzeugt, dass es richtig war, Harriet die Verbindung zu Mr. Martin "auszureden": "Darin hatte ich recht." @Julia: Stimmt, sie vergisst oder verdrängt hier offensichtlich, wie sie Mr. Elton benutzt hat. Das passt zu ihrer Methode, sich (fast) alles so zurechtzudeuteln, wie es ihr gefällt. Aber sie ist sicher auch nach wie vor überzeugt, dass Mr. Martin unter Harriets Niveau ist. Sie ist genauso blind für das, was höher liegt, wie Mr. Elton. Ich vermute auch, dass sie sich mit Harriet in eine Sackgasse manövriert hat - im Grunde passt niemand zu ihr, auch weil Harriet ihre, Emmas, Freundin ist. Aber es kommt ja noch Frank Churchill...
Bei dem ganzen Hin und Her bei der Überschreitung von Standesgrenzen in diesem Roman frage ich mich, ob Austen das Thema nicht insgesamt ein wenig verulkt oder satirisch/ironisch abhandelt. Schließlich gibt es bei allen Beziehungen hier ja nur eine, die wirklich standesgemäß ist: die zwischen Emma und Mr. Knightley. Ansonsten ist das ein ganz schönes Kuddelmuddel.
Julia hat geschrieben:
Bzgl. Mr Elton finde ich es ganz interessant zu sehen, wie unangemessen es empfunden wurde, wenn ein Mann versucht, durch Heirat gesellschaftlich aufzusteigen.
Das könnte erklären, warum auch Mr. Weston nicht so positiv rüberkommt. Der hat zwar aus Liebe geheiratet (sehr romantisch sogar, mit den entsprechenden Problemen nach der Heirat), aber im Grunde war er ja auch vor allem ein schmucker Offizier, der sich eine reiche Frau geangelt hat...