Julia hat geschrieben:
Wenn man die Summe der Krankheiten und "Unpässlichkeiten" sieht, die den Roman bevölkern, würde ich eher sagen, sie sind es, die die Handlung vorantreiben bzw. entscheidende Wendungen bestimmen - und nicht das Wetter (das eher als Auslöser oder Entschuldigung für diverses Unwohlsein fungiert). Konkret passt das dann später zu Mrs Churchill, aber schon hier ist es ja Harriets Krankheit, die ihre Teilnahme am Weihnachtsessen verhindert und so Mr Elton eine Chance gibt, endlich mit Emma allein zu sein.
Da können wir im Verlauf des Buches ja mal öfter gucken, ob
Krankheit oder
Wetter wichtiger ist. Ich weiß es nicht, schlage mich jetzt aber einfach mal auf die Seite des Wetters, bis ich von der Krankheit überzeugt bin.
Hier könnte man auch argumentieren, dass nicht Harriets Krankheit, sondern der plötzliche
Schneefall und die überstürzte Abreise dazu führen, dass Mr. Elton demnächst allein mit Emma in der Kutsche ist. Vielleicht ist es aber auch beides. Oder einfach Zufall. Gucken wir mal an der entsprechenden Stelle...
Zitat:
John Wiltshire schreibt unter anderem, dass Mr Woodhouses soziale Dominanz durch die ständige öffentliche Diskussion seines Gesundheitszustandes untermauert wird
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Das ist eine interessante Beobachtung. Andererseits: Wäre es nicht auch ohne Krankheit so, dass alles nach seiner Pfeife tanzen würde - eben weil er tatsächlich der "ranghöchste" Bewohner der Gegend ist? Die Untermauerung wäre also gar nicht nötig. Man könnte vielleicht sogar sagen, dass sein Getue sein Ansehen beschädigt - jedenfalls wenn man sich John Knightleys Reaktion darauf beim letzten Dinner ansieht. Da hat er ja Mühe, sich zu beherrschen. Will sagen: Vielleicht hat Mr. Woodhouse gar keine Rechtfertiung nötig, darauf zu bestehen, dass alles so läuft, wie er will? Funktionieren tut dies aber wohl in Bezug auf Emma, die nie verreist (übrigens ja auch ein Hinweis auf ihren letztlich doch eher beschränkten Horizont, sie kennt sich in ihrer Fantasiewelt besser aus als in der realen).
Zitat:
Dieses Verhalten wird als ähnlich drastische Manipulation dargestellt, wie später Mrs Churchills - es wäre für den Leser nur nicht so deutlich, weil Mr Woodhouse von sympathisierenden und empathischen Figuren umgeben ist.
Ich habe ganz kurz überlegt, ob Mrs Churchills herrisches Verhalten (sie spielt immer die erste Geige, alle tun, was sie will) nicht ein klein wenig auf eine ältere mögliche Version von Emma verweist.... (Sofern sie wie von ihr geplant tatsächlich ehelos bleibt.) Ist aber wohl etwas weit hergeholt.
Zitat:
Ein weiterer interessanter Gedanke zu der Häufung von Gesundheitsthemen in "Emma" war, das - vielleicht aufgrund von Mr Woodhouses Status in Highbury - Gespräche über gesundheitliches Befinden oder Unwohlsein als eine Art generelles Kommunikationsmittel funktionieren,
Also das jedenfalls kann man vom Wetter 100% auch behaupten! Die reden ja dauernd übers Wetter. Auch wenn man dadurch natürlich keine Anteilnahme ausdrückt.
Zitat:
Ob und wie einzelne Figuren sich an diesem Kommunikationsmuster beteiligen, lässt Rückschlüsse auf die unterschiedlichen Beziehungen zu, und unterstreicht Charakter und Rolle im Roman.
Ja, da könnte die Krankheit jetzt die Nase vorn haben. Aber:
Wie Leute über das Wetter reden, spielt auch eine Rolle bei ihrer Charakterisierung! Nehmen wir nur Mr. Woodhouse, der bei jedem Lüftchen an Lungenentzündung denkt (gut, da haben wir jetzt beide Aspekte). Oder Mr. Elton, der es toll fand, vom Schnee gezwungen worden zu sein, eine Woche bei einem Freund zu bleiben (man ahnt, dass der Freund nicht so glücklich darüber war....). Später wird Mr. Churchill einigen Unsinn über Hitze reden, was auch etwas über ihn aussagt. @Elanor: Ist das die Stelle, auf die du dich auch beziehst?
Noch eins zu Mr. Elton: Auch als Pfarrer sollte er sich mehr um Harriet sorgen. Man gewinnt den Eindruck, dass er zu den weniger respektablen Kirchenmännern in Austens Romanwelt zählt. Obwohl: Lobt ihn nicht Mr. Knightley irgendwo? War das schon oder kommt das noch?
Elanor hat geschrieben:
Andererseits ist er ja nur mit Emma zusammen in der Kutsche und sie ist seine "Schwester", da kann man sich schon mal mehr gehen lassen, als Mr Elton dazukommt, wird er ja umgänglicher bzw. auch schweigsamer
Ja, das muss man ihm zugute halten.