Vor allem zeigt dieses Kapitel, gerade durch Lizzys Einsichten, dass sie nicht wirklich so selbstkritisch und selbstbestimmt ist, wie sie von sich glaubt.
Sie fängt also an zu begreifen, dass die Familie einen Hinderungsgrund darstellt, oder darstellen könnte, einen entsprechenden Partner/Gatten zu finden!
Das sah sie zuvor noch anders. Gut, das mag daran liegen, dass in ihrem Umfeld niemand willens war, die Bennets offen zu kritisieren, oder einen Mangel spüren zu lassen, aber die Mängel in Erziehung, Verhalten und Wurzeln/Beziehungen sind zu offensichtlich, um übersehen zu werden.
Collins Mängel und Defizite sieht/sah sie jedoch ganz klar. Solange niemand Kritik übte, war für Lizzy also alles in Ordnung. Erst als Darcy die Dinge beim Namen nannte, öffnete Lizzy ihre Augen und begann ihre Familie mit anderen (seinen?) Augen zu sehen.
Aber wer hat nun recht? Darcy, der gleich bemängelte, es wäre alles "zu ländlich" und die Bennets zu "gewöhnlich"? Oder erwartet ein Darcy zu viel von Anderen, nicht mehr allerdings, als er von sich erwartet?
Interessant ist hierbei die Frage, ob Lizzy eher Janes Chancen beklagt, oder ihre eigenen.

Ich war in den vorherigen Kapiteln sehr fasziniert, wie sie sich einer Löwin gemäß vor die Familie stellte und gar keine Kritik zuliess. Sehr prägnant war das im Gespräch mit der Ladyschaft, als sie jeden Mangel verteidigte oder umkehrte. So zum Beispiel als es um die fehlende Gouvernante (Benimm, Erziehung und Bildung) und auch um das gleichzeitige Debüt der Jüngeren ging.
Ging es Lizzy im Letzteren tatsächlich um Gerechtigkeit den jüngeren Schwestern gegenüber, da ein gleichzeitiges Debüt allerdings die Chancen der Älteren schmälern konnte, oder war sie nur so wortgewandt, Lady Catherine umgehend Paroli zu bieten?
Bedenkt man ihre erste Haltung der Familie gegenüber mag man an den Gerechtigkeitssinn glauben, aber wie gesagt, der Vorteil für die Jüngeren, war von Nachteil für die Älteren, zumal wenn sich erstere so gebärdeten, wie es Kitty und Lydia stellenweise taten. Obwohl wir den vollen Ausmaß ihrer Unbärdigkeit ja erst peu á peu in den nächsten Kapiteln erfahren.
Ich denke, diese langsame Hinführung an die Charaktere ist hier gewollt, denn wir sollen die Geschichte, und damit auch die Familiengeschichte der Bennets, mit Lizzys Augen sehen. So wie Lizzy ihre Einstellung und Haltung zu den anderen Charakteren ändert, sollen wir auch unsere ändern.
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Grüsse, Caro
Avatar: Amelia Darcy (1754-1784)
Für 1 Jahr säe einen Samen, für 10 Jahre pflanze einen Baum, für 100 Jahre erziehe einen Menschen. chin. Weisheit