Nachtrag zu den Diskussionen um Charlottes Rolle (Berechnung, ja oder nein) und das Für und Wider von Zweckehen:
Für mich stellte sich die Frage gar nicht, ob Charlotte berechnend ist. Aber vielleicht definiere ich Berechnung anders. Berechnung wäre es in meinen Augen, hätte Charlotte Lizzy den Pfaffen weggeschnappt. Und das hat sie nicht. Lizzy hat ihn ja zuvor abgelehnt.
Dem entgegen finde ich Lydia weitaus berechnender, die sich ja einbildet sie habe Wickham ihren Schwestern, respektive Lizzy weggeschnappt.
Ich denke, wir reden bzw. echauffieren uns leicht über die damaligen Zweckehen, weil wir unser Leben im Gesamten selbst in der Hand haben, gekrönt von dem Ausspruch "mein Bauch gehört mir", womit wir uns das Recht nehmen über ungeborenes Leben zu entscheiden. Damit will ich jetzt weiss Gott keine Diskussion vom Stapel lassen, sondern nur den Unterschied zu der Emanzipation und/oder Angepasstheit bestimmter Damen heute und damals zum Ausdruck bringen. Und die Frage: Was gehörte damals zum Bild einer emanzipierten Frau? Ich meine nicht mit unseren Augen gesehen, sondern mit denen Jane Austens oder Cassandras.
Kann man Charlottes Entscheidung überhaupt guten Gewissens mit Lizzys vergleichen?
Dazu muss man eben die damaligen Verhältnisse in Augenschein nehmen. Charlotte galt im Gegensatz zu Lizzy bereits als alte Jungfer, quasi als Ladenhüter, zumindest empfand sie sich so. Sie falle ihren Eltern zur Last, sagte sie. Zudem hatten die Lucasschen einen sogenannten "Stall voller Kinder". Ich kann mir gut vorstellen, dass es in Lucas Lodge etwas beengt und laut zuging. Kann man es Charlotte also verdenken, dass sie keinen anderen Wunsch hatte, als eine eigene Familie und damit einen eigenen Hausstand zu gründen, wo sie selbst das Sagen hatte und nicht eine von vielen war, zumal es ihr auch an äusseren Reizen fehlte und sie in der Masse untergehen musste?
Ganz so dick hatten es die Lucasschen mit dem Geld wohl auch nicht, sie mussten ja mehrere (wir wissen ja leider nicht wieviele es genau waren) Ausbildungen/Ofiizierspatente etc. finanzieren und etliche Mitgiften. Da war für das einzelne Kind wohl nicht so viel übrig.
Charlotte bietet sich also die Chance den Mann zu greifen, den ihre Freundin abgelehnt hat, der ihr die Erfüllung ihrer Wünsche verspricht und Sicherheit bietet. Sie ist realistisch bei der Antwort auf die Frage, Wer sich wohl in sie verlieben würde, vermutlich hat sie da schon gewisse Erfahrungen gemacht. Man kann davon ausgehen, dass sie noch keinen einzigen Heiratsantrag erhalten hat, denn sonst hätte sie selbst zugegriffen oder ihre Eltern hätten sie dazu verpflichtet.
Mich wundert hier eher, dass Collins auf Charlotte umschwenkte, ausser er wäre auch nicht ganz so dumm/lachhaft, wie er daherkommt. Na ja, aber jeder hat einmal einen Geistesblitz bzw. eine Sternstunde.
Mr. Collins Bemerkung "Lizzy solle die Chance lieber ergreifen, es würde sich ihr wohl keine zweite bieten" mag man zwar seinem verletzten Stolz zuschreiben, sie entbehrt aber nicht einer gewissen Grundlage. Natürlich halten wir es mit Lizzy, aber bei Licht betrachtet bietet sie nicht wirklich eine gute Partie. Weder finanziell noch familiär. Das ist eine Tatsache. Im Grunde bleibt ihr jetzt nur noch eine Liebesheirat, und ob es so weit kommt? Aber auch wenn sich ein Gentleman in sie verliebte, wäre es fraglich, ob SEINE Eltern die Zustimmung gäben bzw. Er sich gegen den Willen seiner Familie durchsetzte. Colonel Brandon zum Beispiel ist es bei Eliza nicht gelungen. Zu diesem Zeitpunkt sollten wir ja noch nicht wissen, wie sich bei den Bennets, Bingleys und Darcys alles entwickelt ...

Jane Austen macht es den beiden hier einfach, indem sie Darcys Eltern sterben lässt. Leider muss ich sagen, denn ich hätte es spannend gefunden, ob und wie Darcy sich durchgesetzt hätte. Wäre Lizzy überhaupt noch in Frage gekommen? Hätte er sich überhaupt in sie verliebt und sich durchgerungen, wohl wissen, dass die Familie nicht einverstanden wäre?
Jane Austen selbst äussert sich nicht wirklich gegen die Zweckehe, sofern sie den Wünschen der Frau entspricht. Ich denke darum geht es, um die Entscheidungsfreiheit. Man muss nicht aus Liebe heiraten, wenn die eigene Lebenssituation andere Prioritäten setzt. Man kann natürlich Gouvernante werden oder sich von Geschwistern auf den Füssen und der Seele herumtrampeln lassen, wenn man keinen geeigneten Mann findet, aber ist das wirklich in jedem Fall und im allgemeinen einer Ehe vorzuziehen, in der man vom Gatten zumindest mit einem gewissen Respekt behandelt wird und in sicheren Verhältnissen lebt?
Lydia heiratet aus Liebe, zumindest glaubt sie das, doch ihr geht es schlechter als Charlotte, weil sie schlechter gewählt hat. Liebe hin oder her.
Auch bei Robert Ferrars darf man die Frage stellen, ob er die ursprüngliche Heirat aus Liebe nicht bald bereut hat.

Charlotte ist sehr klug, wenn sie sagt, dass Liebe oder das angebliche Wissen um den Charakter des Anderen noch lange keine glückliche Ehe garantiert. Zumal man sich zwar einbilden kann, sein Gegenüber gut zu kennen und völlig zu durchschauen, sich aber nie 100%-ig sicher sein kann. Ist man glücklich, wenn man liebt, aber hungern muss? Wenn man fliehen muss, weil man die Rechnungen nicht begleichen kann? Gut, es gibt Menschen, denen das egal ist, die das Leben nehmen wie es kommt, die auch mit immensen Schulden gut schlafen können und immer irgendwie wieder auf die Füsse Kommen, aber die sind wohl in der Minderheit. D
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Grüsse, Caro
Avatar: Amelia Darcy (1754-1784)
Für 1 Jahr säe einen Samen, für 10 Jahre pflanze einen Baum, für 100 Jahre erziehe einen Menschen. chin. Weisheit