Caro hat geschrieben:
In der Situation glaubt Lizzy zu wissen, dass sie Darcy nicht kriegen kann, denn er fand sie ja zu durchschnittlich. Wickham käme jedoch durchaus in Frage.
Vielleicht hast Du recht, Caro, dass Frauen damals so tickten, weil die Ehe ihre einzige Chance auf lebenslange Versorgung gewesen sein mag. Bei Lizzy habe ich aber nicht den Eindruck, dass sie Darcy auch nur eine Sekunde in Erwägung zieht.
Caro hat geschrieben:
Was man Lizzy allerdings nicht vorwerfen kann, ist, dass sie sich beschwatzen und belügen liess und das nicht erkannte. Also die berühmte fehlende Menschenkenntnis. Lizzy lernte Darcy als stolzen Mann kennen, wie sollte sie also Wickhams Worte in Frage stellen, der Georgiana als ebenso stolz bezeichnete?
Doch, das kann man ihr schon vorwerfen. Sie kann Wickhams Worte allein schon deshalb in Frage stellen, weil er sie ausspricht. Mit mehr Menschenkenntnis und Urteilsvermögen hätte sie skeptischer, zurückhaltender reagieren und sich überlegen können, wie viel Wahrheitsgehalt man den Worten eines Mannes unterstellen kann, der so munter drauf los private Dinge ausplaudert - und sehr, sehr schlecht über Personen redet, die sich dagegen nicht wehren können. Denen er ja noch nicht mal die Chance geben will, sich zu wehren, er weist ja Lizzys richtigen Vorschlag, Darcy mit seinen angeblichen Vergehen zu konfrontieren, unter fadenscheinigen Gründen zurück.
Caro hat geschrieben:
Wie oft vergucken wir uns in einen Mann, um wenige Wochen (oder Monate) später zu sagen, man habe sich in ihm getäuscht? Er habe einen enttäuscht?
Mir ist das noch nie im Leben passiert.
Julia hat geschrieben:
Ich glaube, es ist gar nicht die Frage, was hier "falsch" ist an dem Verhalten und/oder Auftreten der beiden. Wie soll Lizzy (als naturnaher Charakter) denn - Menschenkenntnis hin oder her - am ersten Abend schon genau erkennen "was Wickham für ein Typ ist"? Abgesehen davon, dass das Buch dann wesentlich kürzer wäre, finde ich dieses Maß an rationaler Beurteilung ziemlich unrealistisch. Der ursprüngliche Titel des Romans war nicht umsont "First Impressions" ... momentan geht es - bei allen Hauptpersonen - um erste Eindrücke.
Sie muss ihn gar nicht durchschauen. Aber sie sollte ihm nicht so rückhaltlos glauben - und sich auch noch fast Hals über Kopf in ihn verlieben (nah dran ist sie hier allemal, es wimmelt ja nur so von Verliebtheitszeichen). Deshalb ist es schon die Frage, ob sich jemand (Wickham) hier falsch verhält. Auch ohne Knigge und 200 Jahre später finde ich es auch heute noch merkwürdig, wenn mir ein fremder Mensch bei einer Party oder in der Kneipe von seiner schlimmen Kindheit erzählt... - selbst dann, wenn dieser Mensch eine schöne Frau ist.
Stimmt schon, es geht um "Erste Eindrücke". In dieser Szene geht es aber fast noch mehr um Vorurteile, scheint mir. Denn es sind ja Lizzys Vorurteile gegenüber Darcy, die sie zusammen mit Wickhams unwiderstehlichem Charme dazu verführen, Wickhams schlimmen Reden zu glauben.
Absolut überzeugend finde ich Dein Argument, dass das Buch ratzfatz vorbei wäre, wenn Lizzy Wickham sofort durchschauen würde.
