Udo hat geschrieben:
Aber was mir in Brandons ergreifender Geschichte wirklich aufgestoßen ist, ist folgende Passage, in der er über Eliza sagt: "Dass sie allem Anschein nach im letzten Stadium der Lungenschwindsucht war - bedeutete mir in dieser Situation eine große Erleichterung." Das nachzuvollziehen, fällt mir schon ziemlich schwer. (...) Oder habe ich da wieder den Zeitsprung in die Gefühlswelt jener Zeit nicht geschafft?
Interessant, dass Du das ansprichst! Ich wollte nämlich auch darauf hinweisen, wenn wir bei diesem Kapitel sind.
Tinas Erklärung passt hier meiner Meinung nach nicht, denn die Erleichterung des Colonel bezieht sich ja nicht darauf, dass sie im "
letzten Stadium" ihrer Erkrankung ist und somit nicht mehr viel auszustehen hat. Die Originalpassage:
That she was, to all appearance, in the last stage of a consumption, was--yes, in such a situation it was my greatest comfort. Life could do nothing for her, beyond giving time for a better preparation for death; and that was given.Ich denke, der folgende Satz ist wichtig - das Leben kann nichts mehr für sie bereithalten, außer eine bessere Vorbereitung auf den Tod. Sicher war es zu dem Zeitpunkt schon zu spät etwas zur Heilung tun. Aber ich denke, die Bemerkung bezieht sich schon darauf, dass ihr Leben ohnehin "versaut" ist, in den Augen des Colonels ("a life of sin") und vielleicht auch der damaligen Gesellschaft ansich - durch Scheidung, außereheliche Affären, Schulden, etc.
Am Anfang des Groupreads haben wir ja schonmal über die romantischen Motive in S&S gesprochen
(bzw. ich bin darauf herumgeritten
), und das ist wieder eins: Aus literarischer, poetischer, romantischer Sicht, hatte eine "gefallene Frau" (Heldin!) zu sterben. Durch Schwindsucht, Selbstmord, was auch immer. Vielleicht zur "Strafe", vielleicht als tragischer Umstand an sich. Dieses Motiv zieht sich bis zu Madame Bovary, Effi Briest und Anna Karenina, selbst Thomas Mann
(der alte Chauvi
) hat noch damit geliebäugelt.
Ich denke, dass ist es, was der Colonel andeutet: dass es doch in diesem (Krankheits)Fall "besser" und "richtiger" ist, zu sterben als außerhalb der Gesellschaft wieder auf die Beine zu kommen oder gar neu anzufangen.
Diese "zweite Chance" ist moralisch-literarisch gesehen eher eine Erfindung der Neuzeit.
Vielleicht interpretiere ich da auch zuviel hinein, aber ich bin in einem Buch darauf gestoßen, das diese Thematik behandelt und auch S&S in einen Kontext bringt (und es als Besonderheit herausstreicht, dass JA Marianne
nicht sterben lässt).
Willoughby fantasiert später übrigens ähnlich, wenn er sich einbildet, Marianne würde/"müsse" sterben, und sich damit tröstet, er hätte sie ja schon so "leichenblass" erlebt bei dem schicksalhaften Ball, wüssste also, wie sie auszusehen habe.