Julia hat geschrieben:
@Caro: Ich meinte das Wort "konstruiert" anders. Natürlich sind Marianne und Elinor sehr lebendige Charaktere mit vielen Facetten. Aber ihre Funktion im Roman, für die "Aussage", ist deutlicher, als das bei den anderen Austen-Heldinnen der Fall ist. Nach "Stolz und Vorurteil" hat JA eigentlich keinem ihrer Charaktere mehr so eine eindeutige Rolle zugeschrieben.
Das kann ich so nicht unterschreiben. Ich finde alle Haupt- und manche Nebencharaktere haben eine eindeutige Rolle in dem jeweiligen Roman. Da wäre Fanny Price als missverstandene, unbeachtete Moralistin (ohne das zu werten), Jane Bennet als sanftmütiger Engel, Lizzy als die Intelligenz, die Einsichten gewinnt, Emma Woodhouse als die Kupplerin, die über's Ziel hinausschiesst (und welche Kupplerin tut das nicht?) ...
Hmm, für mich haben all diese auch eine eindeutige Rolle für den jeweiligen Roman. Wie gesagt, in den anderen Fällen war die Ausgangsposition eine andere. Jede Heldin hat andere Wurzeln, andere Eltern und entwickelte sich entsprechend ihrer Möglichkeiten.
Ich sehe keine Möglichkeit, wie JA Elinor hätte anders gestalten können, oder Marianne. Es ist normal, dass wenn ein Elternteil versagt oder ausfällt, dessen Rolle im Familiengefüge übernommen werden muss. Elinor hat die Mutter-, oder sogar Vaterrolle (oder beide?) übernommen, weil sie als einzige dazu fähig war. Ich weiss nicht, wie man ihren Charakter anders hätte anlegen sollen. Er ist perfekt, so wie er ist. Wäre Elinor Marianne näher gewesen, hätte sie nicht so handeln können, wie sie es tat. Es wäre nicht mehr so stimmig gewesen, wären die Eigenschaften "schwammiger" verteilt gewesen. Gefühlsbetonte , um nicht zu sagen fixierte Menschen handeln nun einmal nicht nach vernünftigen Erwägungen, sondern spontan und oft unüberlegt. Man hätte einen Teil von Mariannes Eigenschaften schlecht auch auf Elinor übertragen können. Menschen wie Elinor sind genau so, wie beschrieben.
Und es gibt diese Menschen wie Marianne, die genauso handeln und empfinden wie Marianne hier beschrieben wird. Marianne und ihre Liebe, ihr Leben, Gewinn und Verlust hätten nicht so stattfinden können, wenn sie natürlicher wäre, nicht so extrovertiert, impulsiv und eben überzogen. Sie muss so, und genau so sein, um ihre Geschichte zu entwickeln, so wie Jane Austen sie sah.
Und es ist auch ganz normal mit den Ausprägungen der Schwestern, dass ihnen das jeweilige Verständnis füreinander fehlt. Dass jede Schwester das in der anderen vermisst, wovon sie selbst ein Übermaß besitzt. Sei es Überschwang oder Mässigung, oder eine der anderen stimmigen Eigenschaften ...
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Grüsse, Caro
Avatar: Amelia Darcy (1754-1784)
Für 1 Jahr säe einen Samen, für 10 Jahre pflanze einen Baum, für 100 Jahre erziehe einen Menschen. chin. Weisheit