Doch schon.

Mit der Wahl bestimmter Charaktere und deren Beschreibung zeigst du auch als zurückhaltender Autor eindeutig deine eigene Tendenz und Meinung. Du wünscht dir ja, dass deine Leser die Charaktere so sehen wie du, oder sie zumindest so nachvollziehen können. Damit fängt Kritik an, auch wenn sie hier nicht in eine grosse Diskussion ausartet. Es ist mehr die Politik der leisen Worte.
Man (ich) muss nicht alles "schwarz" auf "weiß" vor mir sehen und in direkte Worte gefasst vorfinden. Gerade bei Jane Austen kann man die Stimmungen und Meinungen sehr gut "erfühlen" und sich ein Bild davon machen. Ihre eigene Richtung zeigt sie uns allemal.

Und JA zeigt sehr deutlich ihre Kritik an den heeren Zielen der romantischen Welle, die im Alltag dann doch nicht überlebt ... (siehe Willoughby und Marianne). Werte und Träume sind das Eine, Leben und Alltag das Andere.
Was nützen alle Gefühle und die schönsten Träume, wenn sie den Anforderungen des Alltags nicht standhalten?
Schönheit und gute Manieren sind keine Garanten für Liebesglück. Zeigt sich die äussere Schönheit auch innerlich? Man muss auch hinter die Fassade blicken.
Es ist falsch, wenn sich alles ums Geld dreht, aber ohne Geld dreht sich gar nichts ...
Wirklich auffällig ist allerdings, dass all unsere Helden/Heldinnen um ihre wahre Liebe und damit ihr Glück kämpfen müssen, dass es ihnen nicht in den Schoss fällt, egal wie glänzend ihre Wurzeln oder ihre Zukunftsaussichten auch sein mögen. Sie müssen sich alle auf die eine oder andere Art erst noch bewähren, sich entwickeln und um ihr Glück kämpfen.

Damit steht Jane Austen im Gegensatz zur Gesellschaft, als tatsächlich die Meinung vorherrschte, blendende Zukunftsaussichten würden schon alles richten. Eine Persönlichkeit mit "Zukunft" könne doch nur glücklich sein.

Kann es im übrigen sein, dass wir einfach zu viel erwarten, zu viel in Schlagworte wie "Liebe" und "Glück" hineininterpretieren und deshalb zwangsläufig enttäuscht werden müssen? Zu JAs Zeit war man noch mit den kleinen Dingen zufrieden, das was man heute ein "kleines Glück" nennen würde.
Wir suchen auch nach dem "perfekten" Pendant zu uns, früher war man es zufrieden, wenn man sich gut leiden mochte, um eine Ehe zu beginnen. Alles Andere würde sich schon finden. Ich glaube auch nicht, dass man unter "Liebe" früher die ganz großen Gefühle meinte, die uns vielleicht heimsuchen, oder die wir zumindest erwarten, und wenn sie sich nicht einstellen, sind wir enttäuscht und trennen uns. Es wäre interessant zu erfahren, wie Jane Austen "Liebe" für sich selbst definierte.
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Grüsse, Caro
Avatar: Amelia Darcy (1754-1784)
Für 1 Jahr säe einen Samen, für 10 Jahre pflanze einen Baum, für 100 Jahre erziehe einen Menschen. chin. Weisheit