Tina hat geschrieben:
... Zugegeben, das meiste findet eher später statt, aber Napoleon hat doch einiges in Gang gesetzt und ausgelöst. ... Und was Napoleon über die Rechte der Frauen geschrieben hat, hat sich in Europa verbreitet, so mit Sicherheit auch in England. ... Wenn man einmal angefangen hat, findet man immer mehr Seiten zu diesem Thema über die Rechte der Frauen mit Anfang 18. Jh.

Ich bin total verblüfft! ...
Hallo Tina,
ich finde es sehr gut, dass Du Dich mit der Geschichte befassen möchtest... um die Zeit, in der Jane Austen lebte und ihre Romane schrieb, besser verstehen zu können... Und sicher lädt das Internet dazu ein, herumzusuchen und sich Informationen zu holen... Und wie Du sagst, „es ist erstaunlich, was man da so alles an Informationen finden kann“... Ohne Zweifel ist es das... Ich hoffe, Deine Verblüffung bleibt Dir weiter erhalten... es gibt noch vieles Erstaunliches zu entdecken da draußen in weltweiten Netz...
Deine Begeisterung über den von Napoleon über Europa und England verbreiteten Fortschritt solltest Du jedoch etwas relativieren... Wobei ich Dir hoffentlich hilfreich sein kann:
Die Briten sahen anfangs die revolutionären Vorgänge in Frankreich mit zurückhaltendem Interesse, erhofften sie sich doch davon eine Art konstitutionelle Monarchie ähnlich der ihren... Doch leider wurden ihre Erwartungen 1793 mit der Hinrichtung des französischen Königs und dem Beginn des „Terrors“ zunichte gemacht... Die britischen Anhänger der französischen Revolution – zu denen auch Mary Wollstonecraft gehörte – standen ab sofort unter Generalverdacht, in England einen Umsturz nach französischem Muster herbeiführen zu wollen... 1794 gab es in England Missernten und eine schwere Finanzkrise, 1795 wurde der König Georg III. auf der Straße angegriffen, Napoleon machte sich einen Namen durch die Niederschlagung eines royalistischen Aufstandes in Frankreich und durch erste Siege auf dem Schlachtfeld im Kampf gegen Österreich. In Frankreich herrschte der „Terror“: In diesen Jahren wurden ca. 17.000 Menschen verurteilt und hingerichtet, nochmal 20.000 ermordet, ohne dass man sich die Mühe machte, vorher wenigstens den Anschein der Rechtmäßigkeit herzustellen. Einer davon war ein Angehöriger der Familie Jane Austens... 1796 wurde die Lage in England noch verzweifelter: Die großen Garnisonen der Navy in Spithead und Nore meuterten, die Staatsfinanzen waren desolat... Napoleon war dabei die Herrschaft der Royal Navy über das Mittelmeer zu brechen und fiel mit seinem Heer in Ägypten ein... Gross Britannien stand allein, alle ehemaligen Verbündeten auf dem europäischen Festland hatten mit Napoleon Frieden geschlossen oder waren von ihm besiegt worden.
In diesem Jahr wurden durch die regierenden Torys unter William Pitt d.J. radikale Maßnahmen ergriffen: Die Staatsfinanzen wurden schrittweise saniert, die Presse- und Redefreiheit sowie weitere bürgerliche Freiheiten eingeschränkt, dutzende „Radikale“ wurden inhaftiert, einige hingerichtet und viele nach Australien deportiert... Die Stimmung im Volk war klar gegen die Whigs (denen die meisten „Franzosenfreunde“ angehörten) – mit politischen Parolen, die einen Umschwung a la Frankreich forderten, konnte man in London keinen Stich mehr machen... alles was nur irgendwie nach Reform roch, wurde sofort als subversiver Versuch „französische Verhältnisse“ in England einzuführen denunziert... England befand sich im Krieg und es stand allein gegen fast ganz Europa.
Die nächsten 10 Jahre lebte man in England unter der ständigen Furcht vor einer Invasion durch die Truppen Napoleons... und die einzige Barriere zwischen Napoleon und England bildeten die hölzernen Planken der Schiffe der Royal Navy... Erst 1805 mit Nelsons Sieg über die französische Flotte vor Trafalgar endete diese Bedrohung... Doch in den folgenden fast 10 Jahren wird es einen zermürbenden, verlustreichen Kleinkrieg, gegenseitige Embargos und blutige Schlachten geben, bis Napoleon von Wellington in Waterloo endgültig geschlagen wird...
Ich weiß nicht, wie andere Nationen darüber dachten, aber die Engländer waren sicher keine Freunde der „Wohltaten“, die Napoleon über Europa verbreitet hat... Am Ende hatte er wohl mehr Porzellan in Gross Britannien zerschlagen, als es auf dem ersten Blick scheint...
Als Godwin (der Ehemann Mary Wollstonecrafts) 1798 seine „Erinnerungen an Mary Wollstonecraft“ veröffentlichte, war die Stimmung im Lande schon radikal gegen ihn und seine Ideen umgeschlagen, falls es jemals eine umfassende Zustimmung zu den Thesen Mary Wollstonecrafts gegeben hat, das war vorbei... Der Anarchist und Radikale Godwin wurde verhöhnt und verspottet, und seine tote Frau als Hure, die sich „der halben Stadt hingab“ beschimpft... 1803 und 1804 wurde der Name Mary Wollstonecraft in den einschlägigen Lexika weiblicher Berühmtheiten nicht mehr erwähnt (die wurden übrigens von ihren einstigen Freundinnen Mary Hayes und Mathilda Bentham herausgegeben

)... Nein, Mary Wollstonecraft und ihr Werk „Über die Verteidigung der Rechte der Frauen“ war auf dem besten Weg in die Vergessenheit...
Erst 50 Jahre später begann man sich (in der englischen Frauenbewegung) wieder an Mary Wollstonecraft zu erinnern... aber das ist schon eine ganz andere Zeit und eine andere Geschichte...
Ich hab hier einen Auszug (eine Fußnote) aus
Amanda Foremans „Georgiana“, welches ich Dir sehr ans Herz legen möchte, wenn Du etwas über das Leben zur Zeit Jane Austens erfahren möchtest und das zeigt, dass auch die „Tatsachen“ der Geschichtswissenschaft nicht unverändert feststehen...
Georgianas Verlegenheit ... war auch eine Reaktion auf die konservative Stimmung der neunziger Jahre in bezug auf Frauen, die sich auf “männliches” Gebiet wagten. Bis zur Französischen Revolution konnten sich begabte Frauen, die Geschmack an der Politik fanden, eine Rolle schaffen, und viele taten es auch.
Es bestand jedoch eine beträchtliche Scheinheiligkeit, was die Rolle der Frau anging. Weibliche Beteiligung an irgendeiner Aktivität außerhalb der häuslichen Sphäre war zufällig und nicht voraussagbar; bei der Bestimmung eines Frauenlebens waren der Charakter und die Umstände oft wichtiger als die soziale Konvention. Die Witwenschaft konnte eine Frau dazu zwingen, die Beschäftigung ihres Mannes zu übernehmen, zum Beispiel eine Druckerei zu führen oder einen Laden zu besitzen, während Ehelosigkeit eigene Schwierigkeiten, aber auch eigene Möglichkeiten mit sich brachte. Die Künste und die Erziehung boten Frauen die meisten Möglichkeiten, wie die Karrieren von Mary Wollstonecraft, der Theaterschriftstellerin Elisabeth Inchbald und der Moralistin Hannah Moore illustrieren. Obwohl die meisten Traktate und Pamphlete über die Rolle der Frau für Passivität und Zartheit plädierten und die Frauen ständig an ihren untergeordneten Status erinnerten, waren sie, in der Hauptsache, doch beschreibende Werke dessen, wie Frauen sein sollten. ... In der Vergangenheit haben Historiker den Standpunkt vertreten, Männer und Frauen lebten in zunehmend streng getrennten Sphären, kontrolliert und abgetrennt durch Funktion und Geschlecht. In neuerer Zeit hat sich die These gewendet zugunsten ... der Integration und des Pluralismus, mit größerer Abhängigkeit von individuellen Fallgeschichten als von theoretischen Modellen.
Bruki
