Ulli hat geschrieben:
... Was meinst Du übrigens damit, daß sich die englische Gesellschaft und die Rolle der Frau zu Austens Zeit im Umbruch befand?
... die Gesellschaft war auf dem Weg in die Industrialisierung (schnurstraks auf dem Weg nach Milton und zu Richard Armitage) und die Frauen aus den Büchern Jane Austens waren auf dem Weg nach Cranford, während ihre Männer Afrika-Forscher, Arzt oder Gutsverwalter wurden (also, alles scheint sich auf Elizabeth Gaskell hinbewegt zu haben)...
... nein, im Ernst, man kann natürlich nicht aus einem Jane-Austen-Roman auf die Lage der arbeitenden Bevölkerung in England schließen... oder auf das Leben der Pächter oder Tagelöhner...
Aber die Verhältnisse in England sind wahrscheinlich für einen Historiker recht gut dokumentiert, da es eine Flut von schriftlichen Belegen aus dieser Zeit gibt. In England wurde über so ziemlich alles geschrieben, das Briefeschreiben war geradezu eine Manie der Mittelschicht, und Wagenladungen von Druckerzeugnissen wurden in Umlauf gebracht, die dank der Bibliotheken und Privatarchive zum großen Teil bis heute überliefert sind... Ich hab zum Beispiel einen dicken Wälzer darüber, wie die Pachtverhältnisse und die politische Repräsentanz in England zwischen 1730 und 1770 sich gegenseitig beeinflussten (es existieren Haufen von Verträgen, Briefwechseln, Vereinbarungen, Abrechnungen usw. mit detailierten Beschreibungen in den Archiven der großen Landbesitzer aus der damaligen Zeit, die bis heute nicht aufgearbeitet wurden). Oder denkt mal an die Briefe der Herzogin von Devonshire, die gerade erst kürzlich ausgewertet und zu einer Lebensbeschreibung "Georgianas" verdichtet wurden... Und genauso umfassend (oder ungenau) wie wir uns heute einbilden, aus den Medien über die Zustände der Welt informiert zu werden, kann man sich wohl mit einigem Fleiß über den Zustand des damaligen Englands ein recht gutes Bild machen...
Insbesondere wenn es um so abgegrenzte Bereich wie "die Mode" oder "das Benehmen" wohlerzogener junger Damen geht... Wenn man wissen will was die Damen tragen, macht man es heute wie damals wohl so, dass man sich die einschlägigen Mode- und Versandhauskataloge ansieht und man hat schon ein recht gutes Bild...
Und wie bei allem wird es auch Abweichungen gegeben haben... Mir fällt da gerade die Prinzessin Caraboo ein, deren exentrisches Outfit jedoch auch sehr gut dokumentiert wurde... Oder mal ein Beispiel für die Abweichung von einer Regel aus Jane Austens Werk: Es ist allgemein bekannt, dass unverheiratete (oder nichtverlobte) junge Damen keine Korrespondenz mit ebensolchen jungen Herren unterhalten durften... Das ist eine Regel und Mr. Darcy bricht sie auf eine Art, wie auch heute noch Regeln gebrochen werden: Wenn keiner außer den Betroffenen etwas mitbekommt, kann eine Regel ungestraft gebrochen werden!
Solche "verboteten" Briefe könnten also durchaus geschrieben worden sein, wie uns Mr. Darcy beweist, und so wird es wohl auch im "richtigen Leben" gewesen sein... genauso wie es voreheliche Beziehungen, uneheliche Kinder, gedultete Nebenfrauen, Inzest, homosexuelle Beziehungen und Verführung Minderjähriger gab... Die Straßenräuberin Mary Bryant mag vielleicht Hosen getragen haben, aber dadurch wird die Regel, dass Frauen Röcke trugen, nicht außer Kraft gesetzt... Und die Regel: "unverheiratete junge Menschen dürfen keinen Briefwechsel unterhalten" gilt, trotzdem Mr. Darcy heimlich an Elizabeth Bennet schrieb...
Bruki
PS: Da es hier um die "less formally dressed" Elizabeth in der neuen Verfilmung ging: Im Buch wird Elizabeth als eine wohlerzogene junge Dame eingeführt, die weiß was sich gehört und sich auch meist daran hielt (auch wenn sie diesem fiesen Mr. Darcy am liebsten Gift und Galle ins Gesicht geschleudert hätte, tut sie dergleichen nie, sondern bringt ihre Spitzen so gut versteckt an, dass nur der in ihre Gedanken eingeweihte Leser was davon bemerkt). Dass sie halbnackich im Nachthemd und mit aufgelöstem Haar in der Gegend herumwandert, wäre ihr wohl sehr brontehaft vorgekommen... Und obwohl Elizabeth sich schon mal in Sorge um ihre kranke Schwester den Rocksaum vermoddert und beim Stapfen durch den Schlamm ihre Frisur aus den fashionable Ordnung bringt - hat sie sich sicher, bevor sie loszog, die Haare machen lassen und einen halbwegs sauberen Rock angezogen...
