Bluntschli hat geschrieben:
... Was mir nicht gefallen hat, worüber ich aber hinwegsehen kann: - Georgiana war nicht so buchgetreu. Sie wurde ja als größer und fraulicher als Lizzy beschreiben, jetzt ist sie dagegen kleiner und kindlicher ...
Hallo Bluntschli,
Da hast Du recht, aber das könnte man auch zur Georgiana in der P&P95-Verfilmung anmerken... Wobei Jennifer Ehles Elizabeth auch nicht gerade zu den grazilen Figuren gehörte... Doch das ist wirklich unwichtig – 100 Jahre vor Jane Austen spielten ausschließlich Männer die Frauenrollen und da wird es mehr als eine breitschultrige Julia gegeben haben, ohne dass man deswegen das Stück kritisiert hätte... Und unser heutiges Frauenideal hätte man zu Jane Austens Zeiten wohl eher ins Spital oder zum Aufpäppeln auf den nächsten Bauenrhof geschickt...
Ich fand die Georgiana in der neuen Verfilmung im Vergleich zur Buchvorlage eher etwas zu keck und vorlaut... Jane Austens Georgiana war ja eher ein zurückhaltendes und schüchternes Mädchen. Jane Austen sagt sogar „außerordentlich schüchtern“ (im 44. Kapitel, anlässlich der ersten Begegnung der beiden Frauen, die Darcy am meisten geliebt hat)...
Ich glaube, die Drehbuchautoren hatten ein großes Problem: Herkömmlich wird ja in einer romantischen Komödie ein Spannungsbogen daraus gebaut, dass sich die Heldin und der Held zuerst nicht riechen können und sich den Rest des Filmes zum großen Vergnügen des Publikums gegenseitig fetzen müssen bis die Lachmuskeln bersten... Jane Austen hat dieses Klischee in ihrem Roman nicht bedient: Elizabeth wird von ihrer vermeintlichen „Weltkenntnis“ dazu verführt, diesen unmöglichen Mr. Darcy falsch einzuschätzen und an ihrem Irrtum festzuhalten, bis dass der erste Antrag Darcys wie ein Blitz aus heitrem Himmel ihr ganzes Gedankengebäude zusammenkrachen lässt... Darcy hatte ja – außer des skandalösen Verhaltens ihrer Angehörigen – nichts gegen Elizabeth – obwohl er sich anfangs mit seinen Gefühlen auch nicht so recht wohl gefühlt hat... Seinerseits gibt es in der ersten Hälfte des Romans nur so subtile Annäherungsversuche, dass sie sogar einigen der damaligen Lesern entgangen sein dürften. Und ihrerseits ist nun gar keine Sympathie ihm gegenüber zu bemerken, eher das Gegenteil... Das ist also für heutige Filmgucker nicht mehr so leicht nachzuvollziehen, warum ein so reicher Mann wie Darcy damit Probleme hatte, einem Mädchen wie Elizabeth Bennet einen Antrag zu machen... Da ist eher schon zu begründen, dass ein so frisches und selbstständiges – modernes – Mädchen, wie Elizabeth ja gerne gesehen wird, sich heftig gegen diese – wie einige meinen: echte – Vanity dieses arroganten Darcy zur Wehr setzt...
Wer das Buch unaufmerksam oder zum ersten Mal liest, wird ja unweigerlich in die von Jane Austen so listig gestellte Falle tappen, und genauso überrascht von dem plötzlichen Heiratsantrag sein wie Elizabeth selbst...
Wie kann man das im Film rüberzubringen? Das geht wohl nicht, denn die subtilen Andeutungen in einem zweistündigen Film zu packen, wäre wohl bei der heutigen Sehgewohnheiten unmöglich... Also, muss man irgendwie eine Romanze von der ersten Begegnung der beiden an konstruieren... Die spöttischen Bemerkungen Elizabeth’ über Darcys Hochmut fangen im Film schon vor dem Tort an, den Mr. Darcy ihr antut, als er sie als „not handsome enough“ bezeichnet... Dazu gehört die Netherfield-Tanzszene, wo die beiden als romantisches Traumpaar im leeren Saal ihre Kreise ziehen... Ein im Roman zu dem Zeitpunkt wohl eher einseitiger Traum... Es geht weiter beim ersten Antrag, wo es beinahe zu einem Kuss kommt (wobei im Buch Elizabeth ihm wahrscheinlich die Zunge abgebissen und ihm in seine Kronjuwelen getreten hätte, wenn er sich ihr in diesem Moment bis auf Kussweite genähert hätte)... und auch die Übereichung des Briefes in der nächtlichen Szene durch den Spiegel hindurch passt in dieses Muster... bis hin zum morgendlichen Nebel-Wiesen-Handkuss mit offenem Hemd... (auf das übrigens auch die 95ger Verfilmung nicht verzichten mochte, die es aber besser begründete: es ist heiß, der Tümpel schön kühl und es sieht ja niemand :thud:). Alles in allem, wie es im 95ger Film heißt: „though perhaps a little less formally attired“ als es sich für einen Jane Austen Romanhelden gehört.
Bruki